Sport : Weltmeister im Timing

Johannes Rydzek und Eric Frenzel gewinnen die nächsten WM-Medaillen für die deutschen Kombinierer: Diesmal Silber und Bronze

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Paarlauf im Nebel. Eric Frenzel (r.) und Johannes Rydzek (l.) arbeiteten sich im Langlauf in die Medaillenränge vor. Foto: dapd Foto: dapd
Paarlauf im Nebel. Eric Frenzel (r.) und Johannes Rydzek (l.) arbeiteten sich im Langlauf in die Medaillenränge vor. Foto: dapdFoto: dapd

Etwas mehr als eine Zweckgemeinschaft war es schon, die sich da zusammengefunden hatte im nebelverhangenen Osloer Wald. Seite an Seite rauschten die beiden Männer im rot-schwarzen Rennanzug vorbei – an den Zuschauern am Streckenrand und auch an so manchem Rivalen. Wie Zwillinge machten sie sich nach ihrem fünften und sechsten Rang beim vorausgegangenen Springen an die Aufholjagd im Zehnkilometerlauf. Aber nicht nur wegen der Ähnlichkeit mussten einige Beobachter wohl zweimal hinschauen, wer denn da bei den nordischen Ski-Weltmeisterschaften am Mittwoch schließlich zu Silber und Bronze sprintete. Die Gesichter von Johannes Rydzek und Eric Frenzel waren abseits der Kombinierer-Szene eben noch nicht wirklich geläufig.

Kein Wunder. Vor ihrem Triumph am Holmenkollen waren die beiden ähnlich wie die komplette deutsche Kombinationsmannschaft nur selten erfolgreich in Erscheinung getreten. Kein Weltcup-Erfolg war den Deutschen gelungen bis zur WM von Oslo, die ihnen selbst immer noch ein bisschen irreal vorkommt. „Unbeschreiblich und ein Wahnsinn“ sei das alles, findet Silbermedaillengewinner Rydzek. Der Doppelerfolg von Eric Frenzel und Tino Edelmann im ersten Einzelwettkampf am Sonntag, der zweite Platz mit der Mannschaft am Montag – und nun auch noch der nächste doppelte Medaillengewinn.

Über 30 Sekunden hatten der 19 Jahre alte Schüler Rydzek und sein etwas erfahrenerer Kollege Eric Frenzel nach dem morgendlichen Springen auf der Großschanze hinter dem späteren Weltmeister Jason Lamy Chappuis aus Frankreich zurückgelegen, ehe sie sich im anschließenden Lauf gemeinschaftlich nach vorne arbeiteten. Erst im Schlusssprint hängte der Jüngere den drei Jahre älteren Gefährten ab. „Die Teamleistung hat mich beeindruckt. Die zwei Jungs sind unglaublich“, sagte der Bundestrainer.

Und überhaupt: Hätte jemand Hermann Weinbuch vor der WM die bisherige deutsche Bilanz prognostiziert, dann hätte der Bundestrainer ihn „für verrückt erklärt“. Ein bisschen verrückt ist es ja auch, was die Deutschen Kombinierer anstellen. Wie Schmetterlinge schlüpfen sie pünktlich zum Großereignis aus ihrem Kokon und springen und laufen dann in freier Entfaltung gänzlich unvermittelt zu Gold, Silber oder Bronze. Neu ist dieses Phänomen nicht. Vielmehr hat das perfekte Timing des Kombinationsteams fast schon Tradition, und keiner steht noch immer so typisch dafür wie Georg Hettich. Ohne einen einzigen Weltcupsieg in einem Einzelwettkampf reiste er im Jahr 2006 zu den Olympischen Spielen nach Turin, ohne Weltcupsieg blieb er auch danach. Olympiasieger wurde Georg Hettich trotzdem – auch wenn er glaubte, diese Spezies „gäbe es nur im Fernsehen“.

Fünf Jahre später macht es ihm die nächste Generation nach. Haben sie bei Olympia vor einem Jahr ausnahmsweise mal nicht rechtzeitig zur Topform gefunden, so sind es in Oslo wieder mal die Kombinierer, die, abgesehen von einem dritten Platz für das Skispringerteam, die Medaillen für Deutschland sammeln. Ganze fünf sind es inzwischen, also eigentlich vor dem abschließenden Teamwettkampf am Freitag schon „viel mehr als man sich es je erträumt hatte“, sagt Eric Frenzel. Doch wie kann es eigentlich angehen, dass die Athleten sich bei Weltmeisterschaften sogar selbst noch überraschen? Fragt man die Verantwortlichen, liegt das Timing-Geheimnis am Trainingsaufbau. „Mit dem Wissen, dass man hinten dran ist, haben wir vor der WM vielleicht noch härter trainiert“, sagt beispielsweise Sprungtrainer Andreas Bauer. Die wettkampffreie Zeit vor der Weltmeisterschaft – vier Wochen lang fand keine Weltcup-Ausscheidung statt – habe man bestens genutzt, heißt es. Immer wieder standen Testwettkämpfe auf dem Programm; sozusagen eine Simulation des Ernstfalls.

Sind die Deutschen also Weltmeister im Timing? Die Konkurrenz mag das nicht recht glauben, hier ist – allen voran im österreichischen Lager – von Bluff bei vorherigen Veranstaltungen die Rede und von unerlaubten Tricksereien. Deshalb haben die Österreicher auch Protest gegen eine Skisprungbindung der Deutschen eingelegt. Geholfen hat es letztlich nichts, denn auch ohne neue Technik liegen die deutschen Kombinierer in den Einzeln vorne, weil man inzwischen laut Bundestrainer Weinbuch wieder „genug Sicherheit, Gelassenheit und Selbstvertrauen hat“. Nur ein Detail mag nicht so recht in diesen schönen Dreiklang der deutschen Kombinierer passen: Dass der Vater des Erfolgs seine jungen Talente womöglich verlassen wird. Bundestrainer Hermann Weinbuch könnte nach eigenem Wunsch nach der Saison zugunsten der Familie Schluss machen. „Vielleicht ist nach so einer WM genau der richtige Zeitpunkt dafür“, sagt der 50-Jährige.

Es scheint, als habe der Bundestrainer die Sache mit dem Timing einfach raus.

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