• „Weltmeister in Überheblichkeit“ Reiner Calmund über die Kritik am deutschen Team

Sport : „Weltmeister in Überheblichkeit“ Reiner Calmund über die Kritik am deutschen Team

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Herr Calmund, die deutsche Nationalelf steht im Halbfinale und wird dennoch kritisiert – sogar im eigenen Land. Verstehen Sie das?

Die Deutschen sind Weltmeister in Sachen Überheblichkeit und Arroganz. Ich glaube, in ganz Europa – wahrscheinlich sogar weltweit – gibt es nicht so unglaubliche Arroganz wie in Deutschland. Wir haben uns schon immer dabei hervorgetan, gegenüber der Leistung anderer keinen Respekt zu zeigen.

Mag sein. Weltmeisterliche Leistungen hat man von Deutschland nicht immer gesehen.

Okay. Ein paar Spiele waren nicht in Ordnung. Ohne das nötige Quäntchen Glück und einen überragenden Kahn wären wir nicht mehr dabei. Aber es gibt ein paar Punkte, die kann man nicht einfach ausradieren. Schauen Sie sich mal an, mit welchem Kader wir hierher gefahren sind. Ohne Nowotny, ohne Deisler, ohne Scholl – das kann fast keine Mannschaft verkraften. Trotzdem haben wir die beste Tordifferenz und die wenigsten Gegentore von allen Nationen.

Manche Fans hätten sich ein paar spielerische Akzente mehr gewünscht.

Wir sind nicht beim Eiskunstlaufen. Wenn es so wäre, hätte Leverkusen in diesem Jahr die Champions League und die Deutsche Meisterschaft gewonnen.

Meinen Sie nicht auch, dass man erneut Glück mit der Gruppenauslosung und den weiteren Gegnern hatte?

Das ist es ja mit der Arroganz. Irland hat Holland in der Qualifikation gestoppt. Kamerun hat Senegal im Finale des Afrika-Cups besiegt. Paraguay hat einige der besten Abwehrspieler der Welt. Die USA hat von den letzten fünf Spielen gegen Mexiko vier gewonnen. Und jetzt Südkorea: Die haben Portugal, Italien und Spanien rausgeworfen. Ich betone: rausgeworfen. Einige ticken nicht richtig oder wissen es offenbar einfach nicht besser, gegen wen wir da eigentlich spielen.

Beckenbauer hat nach dem USA-Spiel gesagt: alle außer Kahn in einen Sack stecken und draufhauen. Man treffe nie den Falschen.

Ich kenne den Franz gut. Er ist eben der Fußball-Kaiser und darf sagen, was er will. Dennoch hätte er mit seiner Methode sehr wohl auch die falschen Spieler getroffen. Linke zum Beispiel. Der war die letzten fünf Jahre der Prügelknabe und ist jetzt einer der überragenden Leute. Oder Metzelder. Der hat sich enorm entwickelt.

Haben Sie den Eindruck, dass Rudi Völler nicht nur viel hinzugelernt, sondern sich während der Weltmeisterschaft auch verändert hat?

Ich denke, dass inzwischen die meisten wissen, dass Rudi nicht nur der liebe Junge ist, sondern auch ein Schweinehund. Vor allem aber ist ihm hoch anzurechnen, dass er sich in keiner Phase über die personellen Ausfälle beklagt hat.

Haben die aktuellen DFB-Erfolge in Asien einen Einfluss auf die laufenden Verhandlungen über die Bundesliga-Fernsehrechte?

Sie sind zumindest nicht störend. Rein von den Emotionen her gibt die WM noch einmal einen zusätzlichen Push.

Ist es richtig, dass die Liga auch in Zukunft mit Kirch-Media zusammenarbeiten wird?

Die Angelegenheit ist in der Heimat in guten Händen. Von der Erklärung, die die Deutsche Fußball-Liga am Mittwoch abgeben wird, werden wir nicht überrascht sein.

Das Gespräch führte Erich Ahlers (HB).

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