Sport : Weltmeister nur im Training

Deutsche Skispringer suchen ihre Konstanz

Benedikt Voigt

Bischofshofen - Weil es in der Öffentlichkeit ein wenig untergegangen ist, seien noch einmal die jüngsten Erfolge der deutschen Skispringer aufgezählt: Es fing an mit Martin Schmitt – der ehemalige Weltmeister flog in Garmisch-Partenkirchen auf 125 Meter. Fast allen Konkurrenten war er auf und davon geflogen, nur der Norweger Anders Jacobsen, der inzwischen die Gesamtwertung der Vierschanzentournee anführt, segelte noch etwas weiter. „Ich habe wieder den Anschluss an die Weltspitze gefunden“, sagte Schmitt erleichtert. Sein Teamkollege Michael Uhrmann machte es in Innsbruck noch besser. Niemand sprang so weit wie er, 125 Meter, Platz eins. „Sensationell“, lobte ihn Schmitt. Und im Wettkampf?

Die deutschen Skispringer haben sich bei der Vierschanzentournee den zweifelhaften Titel eines Trainingsweltmeisters ersprungen. „Wir schaffen es nicht, das Training in den Wettkampf rüberzubringen“, sagt Bundestrainer Peter Rohwein. Sehr guten Qualifikationsergebnissen folgen, sobald es ernst wird, nur durchschnittliche Sprünge. So belegte Uhrmann in Innsbruck nach seinem Sieg in der Qualifikation nur Rang zehn. Martin Schmitt fand sich nach seinem kurzen Zwischenhoch in der Qualifikation von Garmisch-Partenkirchen auf der Bergisel-Schanze nur auf Rang 17 wieder. „Wir müssen Geduld haben“, sagt Rohwein, „die guten Sprünge mehren sich.“

Zu hohe Erwartungen und mangelnde Geduld hat Rohwein als Ursache ausgemacht, warum bei seiner Mannschaft die Ergebnisse zwischen Training und Wettkampf so unterschiedlich ausfallen würden. Schmitt wolle zu schnell zu viel. Was allerdings verständlich ist bei einem ehemaligen Weltmeister und Olympiasieger, der nun schon seit vier Jahren auf die Rückkehr in die Weltspitze wartet. Michael Uhrmann sieht sich nicht als Teil eines Trainingsweltmeisterteams. „Bei mir hält sich das die Waage“, sagt er. Seine Ergebnisse schwanken auch innerhalb eines Wettbewerbs extrem. So sprang er in Innsbruck im ersten Durchgang nur auf Rang 29, im zweiten erzielte er die siebtbeste Weite. „Schade“, fiel ihm dazu ein.

Bei drei deutschen Springern ist sogar dem Bundestrainer die Geduld ausgegangen. Maximilian Mechler, Christian Ulmer und Felix Schoft dürfen bereits heute bei der Qualifikation für das vierte Springen in Bischofshofen nicht mehr mitmachen. „Das hat keinen Wert“, sagt Rohwein und schickte sie zum Trainieren nach Hause. Der 16 Jahre alte Schoft sollte ohnehin nur kurz Weltcupatmosphäre erleben, er wird sich nun auf die Junioren-WM vorbereiten. Mechler und Ulmer hingegen enttäuschten, in Innsbruck landeten sie auf den beiden letzten Plätzen. „Es ist nicht unser Anspruch, nur die Qualifikation zu überstehen“, sagt Rohwein, „Mechler hat nicht das Potenzial, bei ihm steht das Training im Vordergrund.“ Es ist bezeichnend für den Zustand des deutschen Skispringens, dass die Mannschaft in Bischofshofen nur noch aus drei Springern besteht. Und für diese fordert Rohwein weiter Geduld. Das Niveau der deutschen Springer lässt sich gegenwärtig am Gesamtklassement der Vierschanzentournee ablesen. Dort liegt Uhrmann als bester Deutscher auf Rang neun, Schmitt belegt Platz 14 und Jörg Ritzerfeld Platz 16. Für den Bundestrainer sind das achtbare Ergebnisse, er sagt: „Uhrmann und Ritzerfeld haben noch alle Chancen, bei dieser Tournee eine neue individuelle Bestleistung zu erzielen.“ Mit einem Tourneesieg hatten die deutschen Springer allerdings von Beginn an nichts zu tun. Neben dem Norweger Jacobsen haben noch sechs Springer die Chance, Gesamtsieger zu werden. Zwischen Jacobsen und dem Siebten Gregor Schlierenzauer liegen 20,1 Punkte. „Wenn er zwei Sprünge im Bereich seiner Bestleistung macht, kann Schlierenzauer das noch aufholen“, sagt Rohwein.

Der Bundestrainer wertet die guten Leistungen seiner Springer in den Qualifikationen als gutes Zeichen. Irgendwann würden die Leistungen auch im Wettbewerb kommen, glaubt er. Allerdings wartet Rohwein seit seinem Amtsantritt im Herbst 2004 auf den ersten deutschen Weltcupsieg. Fragt sich, ob auch der Deutsche Skiverband weiter Geduld aufbringen wird. Rohwein sagt: „Ich habe noch nichts anderes gehört.“

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