Sport : Weltmeister oder Wettmeister?

Italiens Fußball-Ikone Gennaro Gattuso steht im Verdacht, Spiele manipuliert zu haben.

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Mann unter Verdacht. Hat Gennaro Gattuso für Geld Spiele seines Klubs AC Mailand manipuliert? Noch gibt keinen Beweis. Um den zu finden, hat der Staatsanwalt eine Hausdurchsuchung bei dem italienischen Weltmeister von 2006 veranlasst. Foto: AFP
Mann unter Verdacht. Hat Gennaro Gattuso für Geld Spiele seines Klubs AC Mailand manipuliert? Noch gibt keinen Beweis. Um den zu...Foto: AFP

Berlin - Der Verdacht hat jetzt auch den AC Mailand erreicht, genauer gesagt Milanello, das luxuriöse Trainingsgelände des italienischen Erstligisten. Wenn sich die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Cremona als wahr herausstellen sollten, haben sich auf dem Gelände nicht nur Milans Fußballer auf ihre Spiele vorbereitet; dann wurden hier auch die Ergebnisse einiger Spiele im Voraus festgelegt. Unter Verdacht steht dabei eine Ikone des italienischen Fußballs: Gennaro Gattuso, Weltmeister 2006, soll sich in Milanello mit dem Mittelsmann eines Wettbetrugssyndikats getroffen haben. Der Mann, in früheren Ermittlungen als „Mr. Y.“ geführt, wurde in der Nacht auf Montag gemeinsam mit drei anderen Verdächtigen verhaftet. Ihnen wird die Bildung einer kriminellen Vereinigung mit dem Ziel des Sportbetrugs vorgeworfen.

Bei Gattuso führte die Polizei eine Hausdurchsuchung durch. Vier Spiele des AC Mailand aus der Saison 2010/11 stehen unter Betrugsverdacht, in dreien stand Gattuso in der Startformation. Der frühere Mittelfeldspieler, der nach seiner Spielerkarriere als Trainer in der Schweiz und – wenig erfolgreich – beim Serie-A-Absteiger US Palermo arbeitete, ließ über seinen Agenten jegliche Schuld bestreiten. „Rino fällt aus allen Wolken. In diesem Moment können wir keinen Kommentar abgeben. Wir wollen erst verstehen, was los ist“, teilte Andrea D’Amico im Namen seines Klienten mit. Er bat darum, die Ermittlungen abzuwarten, und wies darauf hin, dass in der Vergangenheit einige Personen, die ursprünglich im Rahmen der Ermittlungen genannt wurden, später wieder von der Liste der Verdächtigen gestrichen wurden.

Am Rande der Pressekonferenz machte auch Staatsanwalt Roberto Di Martino deutlich, dass das Ausmaß der direkten Verantwortung Gattusos noch nicht bekannt ist. „Um das zu erkennen, haben wir die Hausdurchsuchung veranlasst“, sagte er. Indirekt wurde Gattuso bereits vor zwei Jahren belastet. Da hatte der geständige singapurische Wettpate Wilson Raj Perumal der finnischen Polizei von einem Bruder Gattusos als getreuem Vermittler der Wettmafia zu zahlreichen Fußballprofis erzählt. Als vermeintlicher Bruder – einen solchen hat Gattuso nicht – wurde jetzt ein enger Freund und Geschäftspartner mit zahlreichen Kontakten zur Wettmafia identifiziert. Gattuso selbst ist trotz der verdächtigen Personen aus seinem Umfeld aber nur etwas vorzuwerfen, wenn er tatsächlich Einfluss auf die Spiele genommen hat. Diese Beweise stehen bislang aus.

Ins Visier der Staatsanwaltschaft geriet auch wieder Lazio Rom, der Klub des deutschen Nationalspielers Miroslav Klose. Der frühere Kapitän Stefano Mauri wurde bereits zu einer neunmonatigen Sperre wegen Spielmanipulation verurteilt. Jetzt wird dem ehemaligen Lazio-Spieler Cristian Brocchi vorgeworfen, bei drei verdächtigen Spiele der Kontaktmann zur Wettmafia gewesen zu sein. Brocchi arbeitet derzeit als Nachwuchstrainer beim AC Mailand. Auch seine Wohnung wurde durchsucht, wie insgesamt 15 andere.

Erschreckender als die Ermittlungen zur Saison 2010/11 sind die Erkenntnisse zur vergangenen Spielzeit. Bei insgesamt 53 Spielen hat die Staatsanwaltschaft Betrugsindizien festgestellt. Darunter befinden sich auch vier Begegnungen der Serie A. Staatsanwalt Di Martino zeigte sich ernüchtert darüber, dass trotz der zahlreichen Verhaftungen und Anklagen in den vergangenen drei Jahren die Dinge offenbar weitergingen wie gehabt. „Man muss klar sehen, dass ein großer Teil dieser Leute seine Aktivitäten einfach fortsetzt“, sagte er. Mangels abschreckender Strafen verläuft der Lernprozess offenbar sehr langsam.

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