Weltmeister Rainer Bonhof im Interview : "Mein Wesen hatte sich verändert"

Was macht ein WM-Titel aus einem jungen Fußballer? Rainer Bonhof ist vor 40 Jahren mit der deutschen Nationalmannschaft Weltmeister geworden. Ein Gespräch über Schulterklopfer und die Verlockungen des frühen Ruhms.

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Rainer Bonhof (l.) wurde 1974 mit Deutschland Weltmeister.
Rainer Bonhof (l.) wurde 1974 mit Deutschland Weltmeister.Foto: dpa

Herr Bonhof, waren Sie am Sonntag überrascht vom Auftritt Ihres Weltmeisters Christoph Kramer?

Eigentlich nicht. Wieso sollte ich?

Kramer hat sich nach seiner Einwechslung gegen den VfB Stuttgart voll reingehauen, keine Weltmeister-Allüren gezeigt.

Wir kennen Christoph doch gar nicht anders.

Sie haben aber mal gesagt, dass Sie 1974 nach dem WM-Titel zwei Monate gebraucht haben, bis Sie wieder auf Wolke null waren.

Das war aber nicht auf meine Leistungen gemünzt.

Sondern?

Es war dieses Gefühl, Weltmeister zu sein. Sie müssen bedenken, dass das damals noch eine ganz andere Zeit war, dass wir im Bundesliga-Alltag nicht so im Fokus gestanden haben wie die Spieler jetzt. Nach der Weltmeisterschaft hattest du auf einmal ein paar Schulterklopfer mehr. Da sagst du dir natürlich: Oh, jetzt hast du etwas Großartiges erreicht. Sich dann wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren, auf das also, was dich erst in diese Situation gebracht hat – das war nicht ganz so einfach.

Auf welcher Wolke waren Sie denn nach dem WM-Triumph?

Irgendwo zwischen 17 und 95.

Sie waren mit 22 Jahren der jüngste Spieler im deutschen Kader. Hat Sie das besonders anfällig gemacht für die Verlockungen?

Ich weiß nicht, ob das was mit dem Alter zu tun hatte. Ist ja auch schon ein paar Tage her. Ich weiß nur, dass sich bei mir erst Ende September, Anfang Oktober das Gefühl eingestellt hat, wieder der Vorherige zu sein.

Die Rückkehr der Weltmeister
Einmal die Polonaise über die Bühne.Weitere Bilder anzeigen
1 von 66Foto: dpa
15.07.2014 12:18Einmal die Polonaise über die Bühne.

Das ist schwer vorstellbar, wenn man vor Augen hat, welcher Typ Spieler Sie waren, ein Kämpfer, jemand, der sich alles erarbeitet hat.

Das haben Ihre Kollegen damals auch immer geschrieben. Da muss also was dran sein. Aber irgendwo ist man ja auch Mensch. Das war einfach eine Phase. Die hat bei mir zwei Monate gedauert, danach war ich wieder normal.

Wer hat Sie denn wieder von der Wolke runtergeholt?

Irgendwann habe ich mich selbst gefragt: Wie dumm bist du eigentlich? Vor allem aber war es meine heutige Frau. Die hat damals zu mir gesagt: „Kannst du nicht mal wieder Rainer Bonhof werden?“ Zum Glück siehst du irgendwann selbst ein, dass du ein paar Dinge getan hast, die eigentlich nicht zu dir passen; dass du Verhaltensweisen an den Tag gelegt hast, bei denen du heute nur noch den Kopf schütteln kannst.

Zum Beispiel?

Als Profi hattest du ja bestimmte Verpflichtungen, zu denen du erscheinen musstest und für die es auch eine Aufwandsentschädigung gab. Da hast du eben gesagt: „Nee, das mache ich heute mal nicht. Das ist mir nicht gut genug. Ich bin ja jetzt Weltmeister.“ So ein Quatsch eben. Aber das war eine gute Lehre. Meiner Entwicklung hat es nicht geschadet, dass ich einmal gegen eine Wand gelaufen bin.

Können Sie noch rekonstruieren, was Sie im Sommer 1974 gemacht haben: Beachpartys auf Ibiza?

Nein, nein, Ibiza war damals ja noch gar nicht in.

Sondern?

Ich bin mit Berti Vogts in Torremolinos an der Costa del Sol gewesen. Es gab damals ein Buch : „Die Kinder von Torremolinos“. Das hat uns neugierig gemacht.

Ferien mit Berti Vogts – das deutet eher auf einen Arbeitsurlaub hin als auf echte Erholung …

Das war auch so. Damals gab es vom Verein noch keinen Trainingsplan für den Urlaub, da haben wir uns eben ein eigenes Programm zusammengestellt. Wir haben uns abends nur angucken müssen, dann sind wir am nächsten Morgen laufen gegangen. Aber wir haben es uns auch gut gehen lassen.

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