Sport : Weltmeister Youri Djorkaeff lässt den alten Mythos wieder aufleben

Reinhard Schwarz

Der Mythos Betzenberg lebt wieder - dank Youri Djorkaeff. "Youri, Youri"-Sprechchöre dröhnten durch das ausverkaufte Fritz-Walter-Stadion, in dem die euphorisierten Pfälzer Fans unter den 41 500 ihren neuen Liebling enthusiastisch feierten. Mit seinem Siegtor in vorletzter Minute zum 2:1 (0:1)-Erfolg des 1. FC Kaiserslautern über Schalke 04 hatte Djorkaeff wie schon beim späten 2:0-Uefa-Cup-Sieg über Tottenham Hotspur das zweite Wunder vom Betzenberg binnen vier Tagen im Alleingang bewerkstelligt. Auch die Freistoß-Vorlage zum 1:1 durch den ansonsten glücklosen Martin Wagner (83.) kam von dem überragenden Franzosen.

Der Weltmeister in der zuletzt desolaten Pfälzer Mannschaft genoss die Ovationen und gab die Sympathie-Kundgebungen postwendend zurück. "Es ist wie eine Liebe zwischen Mann und Frau. Kaiserslautern ist jetzt endgültig meine neue Heimat." Der für viele beste Lauterer Fußballer seit dem legendären Fitz Walter fügte in gebrochenem Englisch an: "Egal, in welcher Sprache ich es sage. Ich will immer gewinnen, gewinnen, gewinnen. Von meiner Mentalität her bin ich ein Siegertyp."

Der unbedingte Siegeswille ("Wenn man gewinnen will, gewinnt man") und der Ideenreichtum des in der Rolle des verletzten Kapitäns Ciriaco Sforza als Regisseur und als Vollstrecker (viertes Saisontor) glänzenden Weltstars hat dem spielerisch armen FCK-Team neues Leben eingehaucht. "Das Betzenberg-Feeling, das uns in der Vergangenheit geprägt hat, ist wieder spürbar. Wir kämpfen wieder bis zur letzten Minute und glauben wieder an uns", beschreibt das Lauterer Urgestein Axel Roos (35) die neue Aufbruchstimmung am Betzenberg.

Mit drei Siegen in der pfälzischen "Wunderwoche" - 1:0 in Stuttgart, 2:0 gegen Tottenham, 2:1 gegen Schalke - hat der in der Versenkung zu verschwinden drohende Meister von 1997 sein Wellental verlassen und kann wieder nach oben blicken. "Kompliment hoch drei", lobte Trainer Otto Rehhagel den Selbstbehauptungswillen seines Teams, das nach der Länderspielpause in nächster Zeit drei schweren Auswärtsspielen in Berlin, Lens (Uefa-Cup) und Frankfurt entgegen sieht.

Bis dahin sollen auch die Personalprobleme bewältigt sein. Bei der Bravourleistung gegen Schalke fehlte beim Anpfiff die Achse Hany Ramzy (Infektion), Sforza (Knieprellung) und Olaf Marschall (Oberschenkelzerrung), beim Abpfiff auch Marian Hristow (Sprunggelenkverletzung) und Andreas Buck (Fußverletzung).

Schalkes Trauma am Betzenberg, wo die "Knappen" in 30 gemeinsamen Bundesliga-Jahren erst zwei Mal gewannen, hatte weiter Bestand. Eine gute Stunde standen sie dank ihres konstruktiveren Kombinationsspiels und des vierten Saisontores von Marc Wilmots (45./Foulelfmeter) vor dem ersten Sieg seit dem 12. Juni 1976. Doch als sie ihre Offensiv-Bemühungen ohne Not einstellten, riss sie der mitreißende Djorkaeff doch noch aus allen Träumen. Kapitän Olaf Thon, der selbstkritisch eine Mitschuld an beiden Treffern einräumte ("Vielleicht hätte ich entschlossener hingehen sollen"), ärgerte sich wie Coach Huub Stevens ("Wenn man trotz vieler Chancen nur 1:0 führt, kommt man am Betzenberg in Schwierigkeiten") maßlos darüber, am Ende leer ausgegangen zu sein. Ex-Nationalspieler Thon: "Wir haben zwar bewiesen, dass wir guten Fußball spielen können, aber es leider letztlich verpasst, ganz nach oben zu kommen."

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