Sport : Weltmeister zweiter Klasse

Ein umfassendes Buch zur Fußball-WM 1974

Stefan Hermanns

Im allgemeinen Wunder-von-Bern-Trubel dieses Sommers ist der zweite WM- Titel der deutschen Fußballer ein wenig untergegangen. Vor 30 Jahren, am 7. Juli 1974, gewannen Beckenbauer, Vogts und Müller das Finale von München 2:1 gegen Holland, aber die nahezu mystische Bedeutung, die ihre Vorgänger Fritz Walter, Helmut Rahn und Toni Turek mit dem 3:2 über Ungarn erlangt haben, ist ihnen nie zuteil geworden. Sie waren eben nur die Zweiten, zudem ist ihr Erfolg – im eigenen Land und zwei Jahre nach dem überzeugenden Sieg bei der Europameisterschaft – mehr oder weniger erwartet worden. Ein Mythos wie um die Helden von Bern konnte unter diesen Bedingungen nicht entstehen.

Der WM-Triumph von 1954 ist 50 Jahre danach noch einmal in allen Einzelheiten durchleuchtet worden, mit Filmen und Dokumentationen und einer ganzen Reihe von Büchern. Über die WM 1974 gibt es bisher nur eine einzige Veröffentlichung. Der Agon-Sportverlag hat in seiner Reihe „WM-Geschichte“ den Band über das 74er Turnier außerplanmäßig vorgezogen und aus aktuellem Anlass auf den Markt gebracht.

Man darf sich bei den Büchern dieser verdienstvollen Reihe nicht von der grauenvollen Aufmachung abschrecken lassen. Manche Fotos zum Beispiel sehen so aus, als seien sie aus 30 Jahre alten Zeitungen kopiert worden. Hier zählt nicht die Verpackung, sondern der Inhalt, und das Ziel, das Agon anstrebt, ist nicht weniger als Vollständigkeit. Doch neben dem notwendigen statistischen Zahlenmaterial findet der Leser in diesem Band auch einige nicht ganz so ernste Themen, zum Beispiel die Haarmode von 1974 oder die Dokumentation des vergeblichen Versuchs der beiden Autoren, mit Erwin Kremers ein Interview zu führen. Ein bisschen nervend ist nur die krampfhafte Suche nach Synonymen. Holland als Tulpennation zu bezeichnen ist jedenfalls nur mäßig originell.

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