Sport : Weltmeisterbesieger

Spaniens Torwart Iker Casillas pariert im Elfmeterschießen gleich zweimal – nach torlosen 120 Minuten schlägt Spanien Italien 4:2 und spielt nun im Halbfinale gegen Russland

Sven Goldmann[Wien]

Der Weltmeister verabschiedet sich aus Europa. Zwei Jahre nach dem Triumph von Berlin scheiterte Italien gestern schon im Viertelfinale beim Versuch, auch die Europameisterschaft zu gewinnen. Vor 51 178 Zuschauern im Wiener Ernst-Happel-Stadion war Spanien nach 120 Minuten torlosen Minuten und anschließendem Elfmeterschießen die glücklichere Mannschaft. Um 23.22 Uhr setzte der eingewechselte Cesc Fabregas den entscheidenden Treffer zum 4:2-Sieg für Spanien. Zuvor hatte Torhüter Iker Casillas die Schüsse von De Rossi und Di Natale pariert und der Italiener Gianluigi Buffon bei Daniel Guizas Elfmeter das bessere Ende für sich gehabt. Die Spanier besiegten nicht nur die Italiener, sondern auch den Fluch, bei großen Turnieren nie die erste K.o-Runde zu überstehen. Im Halbfinale treffen sie am Donnerstag in Wien auf Russland.

Das Publikum bekam zwar ein dramatisches Ende beschert, aber es hatte sich wohl mehr erwarteten vom Duell der Giganten aus Südeuropa. Erst in der Verlängerung wurde das Spiel ein wenig munterer, als die Italiener endlich ihre Deckung ein wenig lockerten. Zuvor hatten die Spanier zwar deutlich dominiert, aber was hilft das gegen eine Mannschaft, die das Verteidigen zur hohen Fußballkunst erhoben hat. Die italienische Abwehr war gestern so vielbeinig wie lange nicht, und sie stand gewohnt gut. Das 0:3 zum Turnierauftakt gegen die Niederlande war eben nicht ihr Standard. Aber nach vorn ging lange Zeit wenig, ohne den nach der zweiten Gelben Karte gesperrten Andrea Pirlo. Für ihn hatte Trainer Roberto Donadoni Alberto Aquilani aufgeboten und die Rolle des Spielmachers weitergereicht an den zuletzt so starken Daniele De Rossi. Doch der konnte, wie zu erwarten, das Spiel der Italiener nicht auf das Niveau heben, das sie beim 2:0 über Frankreich zumindest angedeutet hatten.

Hinzu kam, dass Luca Toni einmal mehr vergebens seiner Form nachlief. Diese EM ist nicht sein Turnier. Fast alles, was ihm beim FC Bayern gelingt, läuft in diesen Tagen schief. Etwa sein Kopfball nach schöner Flanke von Antonio Cassano. Toni sprang hoch und wuchtete den Ball Richtung Tor, traf aber nur den Kopf des mit gesprungenen Carlos Marchena. Oder kurz vor Schluss der regulären Spielzeit, als er einen artistischen Seitfallzieher versuchte und damit vor seinem einschussbereiten Kollegen Fabio Grosso klärte. In der Bundesliga wird Tonis unorthodoxer Stil gern als Intuition ausgelegt. Wenn aber der Erfolg ausbleibt, wie in diesen Tagen in der Nationalmannschaft, wirkt er einfach unbeholfen.

Das spanische Spiel war konstruktiver angelegt, aber längst nicht so furios wie in der Vorrunde. Wahrscheinlich litt der Rhythmus auch darunter, dass Trainer Luis Aragones beim bedeutungslosen Spiel gegen Griechenland nur eine bessere B-Mannschaft aufgeboten hatte, von der gestern nur Andres Iniesta auf dem Platz stand. Xavi, das Genie aus Barcelona, riss das Spiel wie gewohnt an sich, aber es fiel im schwer, seine beiden Stürmer Erfolg versprechend einzusetzen. Von Fernando Torres, später ausgewechselt, war so gut wie gar nichts zu sehen. Und auch David Villa, der mit vier Toren der bislang erfolgreichste EM-Schütze, tat sich schwer mit der dichten italienischen Abwehr, die sich mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit um ihn kümmerte. Schon nach einer Viertelstunde trat ihm Massimo Ambrosini gegen das Standbein und da dies im Strafraum geschah, hätte es einen Elfmeter geben müssen. Schiedsrichter Herbert Fandel aber ließ weiter spielen, wie auch später bei einer weiteren strittigen Szene, als Grosso dem Spanier David Silva am rechten Strafraumeck auf den Fuß trat. „Hijo de puta!“ riefen die spanischen Fans, was wir mal geglättet übersetzen mit „Sohn einer Frau die ihr Geld auf der Straße verdient“.

In der zweiten Halbzeit ließ der spanische Angriffsmut immer weiter nach, und Trainer Aragones schickte nach einer Stunde Cesc Fabregas für den entkräfteten Xavi auf den Platz. Fabregas mag sich beim FC Arsenal zu einem der besten Spielgestalter der Welt entwickelt haben, in der Nationalmannschaft ist auf dieser Position Xavi gesetzt, und zusammen mag Aragones die beiden nicht spielen lassen. Auch gestern gelang Fabregas nicht so viel wie gewohnt, aber er hatte die Nerven, den entscheidenden Elfmeter zu verwandeln. Das entschädigt für viele ungewohnte Minuten auf der Ersatzbank.

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