Sport : Weltrekord im Wohnzimmer

In Oslo fielen viele Bestmarken – nach dem Golden-League-Meeting wird das Stadion abgerissen

Jörg Wenig

Oslo. Das Schicksal nimmt in Oslo seinen Lauf. Im August 2002 starb Arne Haukvik im Alter von 76 Jahren. Knapp 20 Jahre lang hatte der Norweger bis Mitte der 80er Jahre die Bislett Games organisiert und sich damit einen Namen gemacht. Das Sportfest wurde zu einem Synonym für Leichtathletik. Wenn nun am Freitag in Oslo das erste Golden-League-Meeting der Saison stattfindet, trägt es den Zusatz „Arne Haukvik Memorial". Knapp ein Jahr nach dem Tod des früheren Organisators heißt es dabei schon wieder, Abschied zu nehmen - vom Bislett-Stadion.

Das Stadion mitten in der Stadt ist einzigartig. Statt moderner Büros verbergen sich hinter der Haupttribüne Räume, die mit Parkett ausgelegt sind und in denen man sich wie im Wohnzimmer fühlt. Man erreicht sie über eine knarrende Holztreppe. An den Wänden des Aufganges finden sich Bilder aus vergangenen Zeiten. Sie zeigen unter anderem, wie die 400-m-Rundbahn des Stadions einst im Winter für Eisschnelllauf-Wettbewerbe genutzt wurde.

Doch die 400-m-Runde des Stadions ist das Problem. Sie hat im Gegensatz zu den gängigen Stadien nicht acht, sondern nur sechs Bahnen. Damit ist die Bislett-Arena nicht mehr zeitgemäß. Und da kein Platz ist zwischen der äußersten Bahn und den Zuschauerrängen, lässt sich das Stadion nicht umbauen. Nach den Bislett-Games wird die Arena abgerissen. Am selben Ort entsteht ein neues Stadion mit mehr Rundbahnen aber sicher weniger Atmosphäre. In zwei Jahren soll die Golden League nach Oslo zurückkehren. 2004 wird das Meeting voraussichtlich nach Göteborg verlegt.

Es ist diese intime Atmosphäre in der 18 000 Zuschauer fassenden Bislett-Arena, welche die Athleten schätzen und die dazu beigetragen hat, dass in Oslo so viele Weltrekorde aufgestellt wurden. 62 Bestmarken führen die Norweger in einer Liste seit 1924 auf, wobei neun allerdings aus unterschiedlichen Gründen nicht offiziell anerkannt wurden. Zum Vergleich: Im Züricher Letzigrund wurden 24 Weltrekorde seit 1959 aufgestellt und beim Berliner Istaf, einem weiteren Golden-League-Meeting, 15 seit 1937.

In der Ära Haukvik werden allein 21 Bestmarken gezählt. Und nur eine davon wurde nicht im Mittel- oder Langstreckenlauf aufgestellt. Das zeigt den Schwerpunkt, den die Organisatoren noch heute setzen. Die Rekordlisten lesen sich wie ein kleines „Who is Who" des Laufsports. Ron Clarke, der in Oslo 1965 die erste 10 000-m-Zeit unter 28 Minuten erzielte, ist ebenso darunter wie Yobes Ondieki, der vor zehn Jahren im Bislett-Stadion als erster unter 27 Minuten blieb.

Grete Waitz, John Walker, Henry Rono, Ingrid Kristiansen, Dave Moorcroft, Sebastian Coe oder Steve Ovett sind weitere Osloer Rekordläufer. So mitreißend war die Begeisterung bei den großen Rennen, dass es 1994 zu einem schweren Unfall kam. Während ein Speerwurf-Kampfrichter den Läufern zuschaute, traf ihn der Speer im Arm.

Die Athleten rannten Bestzeiten, obwohl die Rahmenbedingungen ungewohnt waren. Untergebracht waren sie noch in den 80er Jahren in einer Art Jugendherberge. „Wir hatten Drei- oder Vierbettzimmer und keine Gardinen. Das war problematisch in den Mittsommernächten. Wir konnten kaum schlafen und sind trotzdem Weltrekorde gelaufen", erzählt der Engländer Steve Ovett, der in Oslo die Bestzeiten über 1500 Meter und eine Meile brach.

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