Sport : Weltstar im Wartestand

Michael Ballack hat sich beim FC Bayern unverzichtbar gemacht, doch Manager Uli Hoeneß ist das zu wenig

Daniel Pontzen

München. Draußen klopften die ersten zarten Sonnenstrahlen gegen die Fensterscheiben, drinnen zuckten die Leiber in Trance zum dumpfen Bass. Es war spät geworden bei der Meisterparty der Bayern vor zwei Wochen, und nicht alle hatten die gleiche Kondition. Am Ende waren noch vier Fußballprofis da, und einer von ihnen schien für den ganzen Abend ein Dauerlächeln gemietet zu haben: Michael Ballack war mit sich und der Welt im Reinen, in jenem Moment in der berühmt, berüchtigten Münchner Feierfabrik P1.

Wer die Entwicklung des im Sommer aus Leverkusen zum FC Bayern gewechselten Nationalspielers zurückverfolgt, dem fällt es leicht, seinen Frohsinn nachzuvollziehen. Selten hat beim FC Bayern eine derart hochkarätige Neuverpflichtung die Erwartungen so schnell und scheinbar mühelos erfüllt wie er. Binnen zehn Monaten hat sich Michael Ballack als Torschütze und zur unverzichtbaren Größe empor gedient.

Über die Saison betrachtet, wirkte es, als habe ihm das nicht mal viel Anstrengung gekostet. Beinahe spurlos ließ er sich von der Mannschaft des Rekordmeisters integrieren und bestimmte schon nach kurzer Zeit ihr Spiel. Leicht sah das alles aus, weil alles leicht aussieht, was Michael Ballack macht. „Wenn die Titel da sind, denkt man im Nachhinein immer, es wäre einfach gewesen. Aber die Saison war schwer genug.“

Nirgends wird es ihm leichter fallen, die Strapazen in Kauf zu nehmen als bei den Münchnern. Denn im Vergleich zu seiner Leverkusener Zeit hat sein Berufsleben eine neue Dimension erhalten: den Erfolg und die Überzeugung, sich auf dem Weg dorthin nicht aufhalten zu lassen. „Es wird Zeit, dass wir ein Finale gewinnen“, sagte er dieser Tage mit Blick auf das heutige DFB-Pokalfinale gegen seinen ehemaligen Klub Kaiserslautern. Es schwingt eine beinahe beleidigte Entschlossenheit mit, sich nicht weiter mit zweiten Plätzen zu begnügen, wie das bei Bayer üblich war.

„Wir sind Meister geworden, das zeigt eindrucksvoll, dass Bayern die richtigen Spieler geholt hat“, sagt Ballack. Und während er sich mit seinen Kollegen auf das Einsäckeln des zweiten Titels binnen weniger Wochen vorbereitet, tut Uli Hoeneß das, was er am liebsten macht: Er skizziert die Zukunft. „Ich bin überzeugt, dass Michael Ballack noch besser spielen kann. Wenn er mal richtig Urlaub gemacht hat, ist bei ihm eine Steigerung um 20 Prozent drin“, sagt Hoeneß. Dann macht er eine Pause, als wolle er seine Stimme mit Überzeugungskraft aufladen: „Michael kann ein absoluter Weltstar werden.“

Vergessen sind die Phasen, in denen es leise Zweifel gab an der Zweckmäßigkeit der Verbindung Bayern und Ballack. In der vollends missratenen Champions-League-Vorrunde, in der Ballack seine Fähigkeiten unter größerem Druck hätte präsentieren können, ging er erschöpft mitsamt seinen Kollegen unter, ohne sich nachhaltig für höhere Aufgaben empfohlen zu haben. Wie weit Ballack im internationalen Vergleich ist – und allein diese Kategorie interessiert die Bayern –, wird der mit zehn Treffern in 26 Spielen torgefährlichste Münchner Mittelfeldspieler erst nach der Sommerpause beweisen – „ab September, wenn der Druck der Champions League wieder da ist“, sagt Hoeneß. Bis dahin hängt der Weltstar in der Warteschleife.

Natürlich wird dann die Debatte um seine Führungsqualitäten zurückkehren. Franz Beckenbauer hatte der Fußballnation einen Meinungsaustausch zu dieser Frage schon während der Weltmeisterschaft aufgezwungen und bei seiner persönlichen Erörterung kaum Argumente pro Ballack gefunden. Damals schon „war es meine Art, diese Frage auf dem Platz zu lösen und nicht über die Medien“, sagt der Spieler. Offensichtlich kommt es bei den Kollegen an, Autorität durch Leistung zu betonen, nicht durch Lautstärke. „Sein Wort besitzt in der Mannschaft Gewicht“, hat Hitzfeld beobachtet. Noch wachse er in die Führungsrolle hinein, sagt Hitzfeld, doch den Posten als Kapitän hat er dem 26-Jährigen schon jetzt in Aussicht gestellt. „Wenn Kahn nicht mehr da ist, ist Michael der Kandidat für seine Nachfolge.“

Mit Fragen dieser Reichweite beschäftigt sich Ballack dieser Tage nicht. Er will vor allem eines: ein Endspiel gewinnen. Es ist schon eine ganze Weile her, dass dies zuletzt der Fall war. „In der Jugend habe ich viele Titel geholt“, sagt Ballack. Damals bei der BSG Motor Karl-Marx-Stadt und beim Chemnitzer FC. Verdammt lange her ist das, und damals hat er die Titel nicht mal richtig feiern können. In der Disko musste er damals noch den Ausweis vorzeigen.

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