Sport : Wen der Berg ruft

Warum der österreichische Trainer Kurt Jara den Vertrag beim HSV nur um ein Jahr verlängert

Karsten Doneck

Hamburg. Schon die Haltung ließ nichts Gutes ahnen. Zu sehr neigte Bernd Hollerbach den Oberkörper nach hinten, der Kardinalfehler eines Fußballers bei der Ausführung eines Elfmeters. Folgerichtig landete der Ball hoch oben in den Fangnetzen, die im Dortmunder Westfalenstadion die Zuschauer auf den Stehplätzen vor verirrten Schüssen schützen. Hollerbach hatte für den Hamburger SV mit diesem kläglichen Elfmeter den Ausgleich versiebt. Nur 180 Sekunden später, in letzter Minute, schaffte der Däne Kim Christensen doch noch das 1:1.

Es waren 180 Sekunden, die über den Arbeitsplatz von Kurt Jara entschieden. Hätte der HSV an jenem 2. November, dem 11. Spieltag der vorigen Saison, bei Borussia Dortmund verloren, wäre der Hamburger Trainer mit hoher Wahrscheinlichkeit entlassen worden. Jara durfte nach dem Punktgewinn bleiben, der HSV zog am Ende der Saison als Vierter in den Uefa-Pokal ein und steht an diesem Montag (20.15 Uhr, live in der ARD) in Mainz im Endspiel um den Ligapokal. Es geht wieder gegen Dortmund. Und Kurt Jara, der fast schon Entlassene, hat gerade erst seinen Vertrag verlängert – vorzeitig, um ein Jahr bis zum 30. Juni 2005.

Um ein Jahr nur? Das erweckt den Eindruck, als habe sich Jara relativ anspruchslos einem Diktat seines Arbeitgebers gebeugt. Wer als Trainer Erfolg hat, der kämpft doch – gewöhnlich mit guten Aussichten – um langfristige Bindungen. Zwei Jahre, vielleicht sogar drei – das ist das Maß, um in einer Branche mit hoher Fluktuation wenigstens ein bisschen Arbeitsplatzsicherheit zu erlangen. Beim HSV aber kehrten sich die Verhältnisse um: Der Verein wollte, Jara nicht. Der Trainer sagt: „Das mit dem einen Jahr war mein Vorschlag, der Verein wollte länger. Aber ich brauche keinen Rentenvertrag, das ist nicht meine Art.“

Aus diesen Worten spricht ein gesundes Selbstvertrauen. Als Kurt Jara am 4. Oktober 2001 in Hamburg die Nachfolge von Frank Pagelsdorf antrat, unterschrieb er einen Vertrag bis 30. Juni 2004. Für knapp zweidreiviertel Jahre also, immerhin. „Meine Devise ist, dass ich in zwei, drei Jahren langsam etwas aufbauen will und dann nur noch für ein Jahr verlängere. Dadurch entstehen dem Verein und mir auch nicht so viele Verpflichtungen“, sagt Jara. Diese Haltung kommt vor allem dem HSV entgegen. Im Falle einer vorzeitigen Trennung könnten so langfristige Gehaltsfortzahlungen oder kostspielige Abfindungen vermieden werden. Angst vor dem Jobverlust hat Jara indes nicht. „Ich würde schon einen neuen Verein finden.“

Anfangs schlug dem Trainer in Hamburg Skepsis entgegen, die sich – mangels sportlichen Erfolges – alsbald in Ablehnung wandelte. Unfreundliche Fans taten im Stadion auf Transparenten kund, was sie von dem Österreicher halten. „Kurt – deine Heimat sind die Berge“. Jara hat das geschluckt, seine Linie mit einer gewissen Sturheit beibehalten. Einen alternden Führungsspieler wie Jörg Albertz warf er raus. Mit akribischer Trainingsarbeit eroberte er sich schnell die Achtung der Spieler. Es gelang ihm, selbst die Hinterbänkler im Kader bei Laune zu halten. Kritik an seinen Profis übte Jara nie öffentlich. Seine Methode hat sich durchgesetzt, er hat Erfolg, die „Hamburger Morgenpost“ erhob ihn unlängst zum „König Kurt“.

Und dieser König begnügt sich also mit einer Vertragsverlängerung im höchst bescheidenen Umfang. „Er ist selbstlos genug, um zu sagen, wenn seine Arbeit erfolgreich ist, ließe sie sich ja immer noch fortsetzen“, sagt Marinus Bester, selbst mal Stürmer beim HSV, jetzt Pressesprecher. Aber vielleicht denkt Kurt Jara nicht gar so selbstlos. Marinus Bester macht diesbezüglich eine vage Andeutung. „Vielleicht hält er sich ja auch noch eine andere Option offen.“ Ruft der Berg? Immer dann, wenn Österreichs Nationalelf mal wieder ein Fiasko erlebt hat, kommt der Name Kurt Jara als neuer Nationaltrainer ins Gespräch. Von Einjahresverträgen ist dann aber nicht die Rede.

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