Sport : Weniger ist mehr

Bei den Weltmeisterschaften streiten die Verantwortlichen, ob es im Biathlon zu viele Wettbewerbe gibt

Helen Ruwald[Antholz]

Martina Glagow kommt sich im Seehaus neben dem Biathlon-Stadion von Antholz vor „wie im Zoo. Es ist wie eine Belagerung, sogar durchs Fenster werden wir von den Fans geknipst“, erzählt die WM-Dritte über 15 Kilometer. „Es wird von Tag zu Tag mehr.“ Dabei war nur das Rennen am Sonntag mit 18 000 Zuschauern ausverkauft, Glagows Medaillengewinn erlebten nur 8500 Fans live – undenkbar bei der WM 2004 in Oberhof. Doch auf ein Ende des Biathlon-Booms lässt sich daraus nicht schließen. Die meisten Fans stammen traditionell aus Deutschland, Tagesausflüge wie nach Thüringen sind in Südtirol eher nicht möglich. „Ich glaube nicht, dass es abwärts geht“, sagt Frauen-Bundestrainer Uwe Müssiggang, „entscheidend ist, ob die Deutschen gut abschneiden oder nicht.“ Bislang zweimal Gold und je einmal Silber und Bronze sprechen für sich.

Dennoch werden Diskussionen laut über die Zukunft der Sportart. Wieder ein neuer Wettbewerb, die Mixed-Staffel, bis zu sechs Rennen pro Sportler in neun Tagen – wäre weniger nicht mehr? Ob die WM um ein paar Tage verlängert wird, wie von Männer-Bundestrainer Frank Ullrich gefordert, wird 2008 entschieden. Kati Wilhelm, Deutschlands Sportlerin des Jahres, hat sogar öffentlich ein Ende der Neuerungen gefordert und dafür plädiert, dass die WM künftig nur noch alle zwei Jahre stattfindet. „Dann ließe sie sich viel besser verkaufen“, sagte sie der Zeitschrift „Sport-Bild“. Doch sie erntet wenig Zustimmung. Martina Glagow findet den Rhythmus zwar „ungewöhnlich“, aber in Ordnung. Die Langläufer bestreiten alle zwei Jahre eine WM, aber wegen der für Biathleten wie Langläufer WM-freien Olympia-Jahre hätten sie innerhalb von vier Jahren nur eine WM weniger, sagt Sven Fischer.

Kritiklos sieht Fischer, der heute Staffel-Gold holen will, die Entwicklung aber nicht. Beim Weltcupfinale in Chanty Mansijsk (Russland) lässt der Biathlon-Weltverband „Ibu“ im Sprint testweise die besten 20 der Weltrangliste in der dritten Startgruppe starten, hinter 40 schwächeren Athleten. Bisher können die Top 30 ihre Startgruppe wählen. „Schmarrn“, sagt Fischer zu der Idee, „die besten Athleten sollen die besten Bedingungen haben.“ Und nicht die schlechtesten auf einer womöglich schon zertrampelten Strecke. Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Skiverbandes und Vizepräsident Marketing der Ibu, widerspricht. „Jetzt sind viele Wettbewerbe bei Nummer 30 entschieden, die Spannungskurve nimmt ab, dann geht die TV-Einschaltquote massiv nach unten.“ Wer Wert darauf lege, dass Biathlon wahrgenommen werde, müsse sich mit den Partnern arrangieren – sich also den Vorstellungen der TV-Anstalten und Sponsoren anpassen.

Was die umstrittene Mixed-Staffel angeht, so fühlt sich die Ibu als Sieger. Mehrere Verbände hätten angefragt, ob dafür nicht Weltcuppunkte vergeben werden könnten, sagt Hörmann. Die Mixed-Staffel, die kleinen Verbänden mit wenigen guten Biathleten entgegenkommt, soll die Sportart außerhalb von Deutschland und Norwegen populärer machen. Mehr Internationalität und die Etablierung als Ganzjahressportart schweben Hörmann vor. „Wir sind noch lange nicht am Ende der Entwicklung“, sagt er.

Die überraschende Weltmeisterin Magdalena Neuner passt ins Konzept. „Durch solche Typen ist die mediale Wahrnehmung gesichert“, sagt Hörmann. Schon nach Neuners erstem Weltcupsieg meldeten sich 40 potenzielle Sponsoren bei ihrem Manager Stephan Peplies, „nach den WM-Siegen kamen 40 dazu“, sagt er. „Sie wird neue Maßstäbe setzen können.“ Als Werbefigur und wohl auch als Sportlerin – in welchem Wettbewerb auch immer. Derzeit sieht es nicht so aus, als würden dem Weltverband die Ideen ausgehen.

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