Sport : Wenn Alligatoren Saxofon spielen ...

Hartmut Scherzer

Es ist amüsant zu lesen, was die amerikanische Zeitung "USA Today" jeden Monat in ihrer aktuellen Weltrangliste zu Sven Ottke anmerkt: "Wenn du Probleme hast einzuschlafen, dann schau dir einfach ein Video von Ottke an." Oder: "Okay, er ist langweilig. Aber nachdem wir seine letzten zwölf Kämpfe gesehen haben, stellen wir fest: Ottke ist auch sehr gut." Die Anmerkung des Autors Dan Rafael zu Ottke in der November-Rangliste: "Jetzt kommt eine leichte Aufgabe gegen den früheren australischen Rugbystar Anthony Mundine." Sven Ottke, Respekt, steht bei "USA Today" zurzeit immerhin an vierter Stelle des Halbschwergewichts hinter Roy Jones, Dariusz Michalczewski und Joe Calzaghe.

Nun also Sven Ottke zum Dreizehnten. Seine vorangegangenen zwölf Weltmeisterschaftskämpfe hat der Weltmeister im Supermittelgewicht nach Version der IBF alle, meist souverän, gewonnen, weil der pfiffige Boxer mit Hirn, Fäusten und Beinen einfach schneller war als all seine noch so hart schlagenden Gegner, von Brewer bis Butler. Nun kommt der Australier Anthony Mundine, ein ehemaliger Rugby-Profi, daher und tönt tatsächlich: "Ottke ist viel zu langsam. Ich bin viel schneller und werde ihn k.o. schlagen. Das wird ganz einfach." Die Zocker sehen das ganz anders. Buchmacher Intertops in Salzburg notiert Ottke mit der Quote 12:10 als klaren Favoriten. Mundine wird mit 40:10 notiert. Die ARD überträgt den Kampf in der Dortmunder Westfalenhalle live ab 22.40 Uhr.

Mit gerade zehn Profikämpfen (alle gewonnen, acht durch K.o.) ist Mundine ein Greenhorn gegen den routinierten, 34-jährigen Sven Ottke (siegreich in allen 24 Kämpfen). "Aber in den ersten drei, vier Runden muss Sven höllisch aufpassen", warnt Impresario Jean-Marcel Nartz. "Wenn Mundine da trifft, gehen die Lichter aus. Hinten raus wird ihm dann die Luft wegbleiben."

Von der "unheimlichen Schnelligkeit" des wilden Draufgängers hatte sich Nartz überzeugt - im Sparring Mundines mit seinem Vater. Tony Mundine senior (50) war selbst einmal ein Weltklasseboxer mit fast hundert Profikämpfen, verlor aber im Kampf um die WM im Mittelgewicht gegen den legendären Argentinier Carlos Monzon 1974 durch K. o. "Ottke aber hat nicht die Klasse eines Monzon. Ich werde daher die Boxwelt schocken", posaunt der Sohn. Und: "Ottke schlägt wie ein Mädchen." Sich selbst nennt er großspurig "The Man". Über die herausragenden Reflexe, die ausgefeilte Technik und die enorme Schnelligkeit des Deutschen verlor der Mann allerdings kein Wort.

Gelangweilt reagiert Sven Ottke auf das Getöse: "Mich k.o. zu schlagen, das hatten alle anderen auch vor. Alles Luftblasen. Auch Mundine ist nur ein Märchenerzähler." Wäre der Champion abergläubisch, müsste er sich allerdings Gedanken machen. Nicht nur wegen des dreizehnten WM-Kampfes. Erstmals wird sein Mentor Wilfried Sauerland nicht am Ring sitzen. Der Manager zieht den WBC-Kongress in Thailand vor, um dort Markus Beyer als offiziellen Herausforderer des Siegers der WBC-WM Lucas gegen Thobela durchzudrücken. Sauerlands Kollege Khoder Nasser ist dagegen in Dortmund dabei. Der Manager Mundines hat ganz klare Vorstellungen vom Ausgang des Kampfes: "Ottke wird sich im Land der Träume befinden und Alligatoren sehen, die Saxofon spielen."

0 Kommentare

Neuester Kommentar