Sport : Wenn aus Sehnsucht Jubel wird

Patrick Bauer

Berlin – Dafür hasst Frank die Eisbären. Dass sie ihn so viele Jahre haben warten lassen, leiden lassen. Schon ewig ist er Fan „von Dynamo“. Lange bevor die Mauer fiel. Er sagt: „Es wird höchste Zeit, wir haben es verdient.“ Letztens, im Heimspiel gegen die Hannover Scorpions, schallte es aus dem Gästefanblock: „Ihr werdet nie Deutscher Meister!“ Frank war sauer. Neben ihm sitzt Jörg mit seiner Lebensgefährtin und den zwei Kindern. Beide im Eisbären-Trikot und mit Fanschals an den Handgelenken.

„Endlich muss eine Ost-Mannschaft dem Westen mal zeigen, was wir können“, sagt Jörg. „Wenn das heute klappt, das wäre das Größte!“ Dass es klappt glauben eigentlich alle Fans in der Eisbären-Kneipe „Overtime“ in Hohenschönhausen. Es muss klappen. Und es klappt. 4:1 siegen die Eisbären gegen Mannheim und sind Deutscher Meister.

Schon zwei Stunden vor dem ersten Bully standen sie vor der Kneipe Schlange. Sie haben fünf Euro Eintritt gezahlt und sich gekleidet, als ginge es direkt von zu Hause aus in den Wellblechpalast. Am Ende werden 250 Fans in der Kneipe zusammengekommen sein. Um Karten für das Spiel haben alle gekämpft. Aber ob nun hier oder nahe am Eis: Der Triumph muss herbeigeschrien werden. Trommeln haben sie mitgebracht, die Bedienungen kommen mit dem Bierzapfen kaum nach.

Es herrscht kaum Nervosität, aber eine brüllend laute Ungeduld. „Dynamo, Dynamo, Dynamo!“ Immer wieder. Siebte Minute: Der Rückstand. „Ich wusste es“, ruft ein dicker Mann mit Eisbären-Mütze. Wieder zittern? „Ost-Berlin!“, wie eine Erlösung schreit es aus den vielen Kehlen, als Erik Cole noch im ersten Drittel den Ausgleich erzielt. Junge Männer mit kurzen Haaren liegen sich in den Armen, Bierbecher fliegen durch die Luft. In der Pause sagt Eisbären-Idol Sven Felski im TV: „Die Jungs aus dem Osten sind immer auf dem Posten!“ Ein Spruch, der bejubelt wird.

Ob aus Pankow, Lichtenberg oder direkt aus Hohenschönhausen: Beim gemeinsamen Mitsingen zu den Puhdys wird klar, was viele hier verbindet. „Das muss es sein“, schreit Kai, als im zweiten Drittel das 2:1 fällt. Bis dahin saß er ziemlich ruhig auf seinem Stuhl. Er geht kaum noch zu Eisbären-Spielen. Zu teuer. Sowieso sei die Stimmung nicht mehr dieselbe wie 1988, als er erstmals den SC Dynamo anfeuerte. „Viele Spieler wissen doch gar nicht, was das für uns Fans alles bedeutet“, sagt Kai.

Dann die Schlusssirene: Die Sehnsucht im „Overtime“ weicht einem einzigen Jubel. „Steht auf, wenn ihr Meister seid!“ Alle wollen schnell weiter – zur Eishalle. Ganz nah dran sein. Es wird eine lange Nacht in Hohenschönhausen.

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