Sport : Wenn Begeisterung zur Last wird

Michael Rosentritt

Hamburg – Über die Vorzüge, die Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land zu veranstalten, ist viel sinniert worden. Aber wenig ist daraus gemacht worden. Beim Confed-Cup im Juni hatte die deutsche Mannschaft mit ihrer Spielweise noch Begeisterung ausgelöst. Die Spieler erhielten einen Vorgeschmack darauf, wie Euphorie eine Mannschaft durch ein Turnier tragen kann. Gestern, nur ein Vierteljahr später, war davon wieder etwas spürbar. 7500 Zuschauer waren in die Hamburger AOL-Arena gekommen – zum Training. Bei den Schussübungen wurde jedes Tor bejubelt. Sollte das vielleicht ein Jubel sein, den die sportliche Führung als lästigen Trubel empfindet?

Die Fans kritisieren, dass die Nationalmannschaft auf Distanz zu ihrem Anhang geht, je näher die WM rückt. Das bisher letzte öffentliche Training hielt die Mannschaft beim Confed-Cup ab, und das, wie damals moniert wurde, erst nach Aufforderung des Weltverbandes. Die Fifa hatte jedem Teilnehmer der Mini-WM vorgeschrieben, mindestens eine Trainingseinheit der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der DFB hatte seinerzeit versucht, aufkommende Kritik am eigenen Verhalten zu entkräften. Ein öffentliches Training sei immer geplant gewesen, allerdings nicht in der Gruppenphase mit stets wechselnden Spielorten. Erst vor dem Halbfinale trainierte die deutsche Mannschaft öffentlich: im Adi-Dassler-Stadion auf dem Gelände des Ausrüsters der Nationalmannschaft in Herzogenaurach. Weil der Termin in die Vormittagsstunden eines normalen Werktags fiel, war es fast ausschließlich Mitarbeitern von Adidas vorbehalten, die Spieler aus nächster Nähe zu erleben.

Bis gestern gab es keinen zweiten Termin dieser Art. Weder in Berlin, wo sich die Mannschaft Anfang September für ein paar Tage aufhielt, noch kurz darauf in Bremen vor dem Spiel gegen Südafrika hatte die sportliche Führung der Nationalmannschaft einem öffentlichen Training zugestimmt. Auch der gestrige Termin, so hört man, sei auf äußeren Druck zustandegekommen. Zuletzt regte sich der Unmut der Fans, als zu erfahren war, dass die Mannschaft ihre komplette WM-Vorbereitung ins Ausland verlagern wird. „Die Euphorie in Deutschland im Vorfeld der WM ist riesengroß. Da hätten wir sicher nicht die nötige Ruhe, um uns konzentriert vorzubereiten“, sagte Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft. Und auch Klinsmanns Assistent, Joachim Löw, verteidigte diese Planung: „Im Ausland kann man sich dem Trubel besser entziehen.“

Als die Nationalspieler gestern mehr oder minder grußlos in der Kabine verschwanden, setzte ein Pfeifkonzert ein. Bis Bierhoff und Löw die Spieler noch einmal herausbaten – zum Autogrammeschreiben.

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