Sport : Wenn der Bundestrainer stört

Der jugoslawische Handballer Nenad Perunicic ist beim WM-Spiel gegen Deutschland besonders motiviert

Erik Eggers

Povoa de Varzim. Povoa de Varzim ist kein besonders malerischer Ort. In dem mit braungrauen Betonburgen verunzierten Seebad, nördlich von Porto gelegen, hat die deutsche Handball-Nationalmannschaft seit Dienstag ihr Domizil bei der Weltmeisterschaft in Portugal. Und es lag nicht an irgendwelchen touristischen Attraktionen des Städtchens, dass Stefan Kretzschmar, kaum dass er und seine Kollegen dort ihr Hotel bezogen hatten, sein Zimmer wieder fluchtartig verließ. Kretzschmars Ziel war die Hotellobby. Dort wartete Nenad Perunicic auf ihn. Die beiden Handballprofis hatten sich verabredet, sie wollten ein wenig über den bisherigen Verlauf der WM plaudern.

Das Treffen von Kretzschmar und Perunicic entbehrte nicht einer gewissen Brisanz. Am heutigen Donnerstag sind sie Gegner. Kretzschmar wird mit dem deutschen, Perunicic mit dem jugoslawischen Team um den Einzug ins WM-Halbfinale (15 Uhr 15, live in der ARD) kämpfen. Dabei kennen die beiden Akteure sich gut: Sie spielen beide beim SC Magdeburg in der Handball-Bundesliga, sind sogar befreundet. Da sollte doch ein kleiner Plausch so am Rande des Turniers … – von wegen. Die ersten Sätze waren kaum gewechselt, da störte Bundestrainer Heiner Brand das gemütliche Miteinander, sagte seinem Linksaußen, dass er solche Gespräche derzeit nicht gutheißt. Kretzschmar verschwand. Perunicic blieb verärgert zurück, schüttelte noch Minuten später den Kopf. „Der wollte einfach nicht, dass wir miteinander reden“, sagte er.

Die Intervention des Bundestrainers besitzt eine Vorgeschichte. Perunicic ist für Brand, den ansonsten kaum etwas aus der Fassung zu bringen vermag, eine Reizfigur. Es hat viel Theater gegeben um den 2,03 Meter großen Rückraumspieler, als der vor wenigen Monaten die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt. Es wurde spekuliert darüber, dass der 32-Jährige künftig für Deutschland Tore werfen könnte, schon bei dieser WM. „Das war eine chaotische Zeit für mich“, sagt Perunicic. Wochenlang wartete er auf einen Anruf von Brand. Vergebens. „Es kam kein Gespräch zu Stande.“ Viele in der Bundesliga, so etwa Bernd-Uwe Hildebrandt, Manager des SC Magdeburg, haben Brand für seine Passivität im Fall Perunicic kritisiert.

Brand ist das Thema unangenehm. „Ich habe nie gesagt, dass ich Perunicic nicht wollte“, meint er. Das stimmt. Trotzdem wollte der Bundestrainer den erfahrenen Spieler nicht. „Ich habe diese Mannschaft in vielen Jahren aufgebaut, da kann ich sie doch nicht innerhalb von wenigen Wochen ändern“, sagt er. Ein Affront wäre das für junge Spieler wie Pascal Hens gewesen, die jetzt bei der WM, wo es ernst wird, auf der Ersatzbank hätten Platz nehmen müssen, meint Brand. Und der Bundestrainer bekommt Unterstützung von seiner Mannschaft. „Ich kann seine Entscheidung nachvollziehen“, sagt Markus Baur vom TBV Lemgo.

Nenad Perunicic sieht das anders als der Kapitän der deutschen Auswahl. Somit müssen sich Baur und Kollegen im WM-Halbfinale gegen Jugoslawien nicht nur auf einen der besten, sondern auch auf einen besonders motivierten Rückraumschützen einstellen. Dass sich Perunicic gegen Deutschland beweisen will, ist klar. Erst recht, nachdem Heiner Brand im Hotel von Povoa de Varzim seinem Schwätzchen mit Freund Stefan Kretzschmar ein so jähes Ende bereitete.

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