Sport : Wenn der Käfer-Motor ins Stottern gerät

MICHAEL ROSENTRITT

GUADALAJARA . Der Mexikaner und seine Frau lieben es, Käfer zu fahren. Der läuft und läuft und läuft. Nirgendwo auf der restlichen Welt laufen mehr. Für die Mexikaner ist das Käfer-Fahren schon lange keine Frage mehr von Sinn und Sinnlichkeit. Der Mexikaner schätzt das deutsche Laufwunder wie sonst nur noch den deutschen Fußball. Und weil es bei den Kickern augenblicklich nicht so läuft, läuft der deutsche Fußball Gefahr, beim Mexikaner bald untendurch zu sein. Daher wird es am besten sein, sich das mal vom Teamchef erklären zu lassen."Am besten Sie fragen", sagt Erich Ribbeck auf der Pressekonferenz am Tag danach. Also am Tag, da das 0:4-Spiel der Deutschen gegen Brasilien gespielt und des Mexikaners Wertesystem ins gehörig ins Wanken geraten war. Also: "Am besten Sie fragen, bevor ich an Ihren Bedürfnissen vorbei erzähle." Bedürfnisse ist gut. Es geht ums Ganze - für die Deutschen im allgemeinen und für den Mexikaner im besonderen. Brasilianer haben gegenwärtig wohl andere Sorgen.Wenn man dem Besuch der Deutschen beim Konföderationen-Cup was Gutes abringen will, dann das, daß sie mal wieder vorbeigeschaut haben, hier in Mexiko, wo der Deutsche Fußball-Bund vor 23 Jahren ein Waisenhaus neu aufgebaut hat, welches er bis heute engagiert fördert und woran sich nach dem 0:4 nichts ändern soll. Aber irgendwie hat die deutsch-mexikanische Fußballfreundschaft einen kleinen Knacks bekommen. Die deutschen Fußballspieler reden jetzt viel mit den Journalisten, diese wiederum mit dem Teamchef, der Teamchef seinerseits mit den Journalisten, zuweilen wohl auch ein bißchen mit sich selbst, aber seit dem 0:4 etwas weniger mit dem Mexikaner.Dazu muß man wissen, daß sich die fast vierzig Mann starke deutsche Delegation einen besonderen Ort zum Übernachten gewählt hat. Hier in Guadalajara, einer alte Stadt, die zweimal soviel Einwohner hat wie das neue Berlin. Rings um das Trainingsgelände der Deutschen, einer mondän wirkenden Anlage des hier ansässigen mexikanischen Erstligisten von Atlas Colomos, gibt es zwar genau so viele rostige Eimer und klapprige Katzen wie anderswo in Mexiko, aber die Bordsteinkanten haben sie extra für den hohen Besuch gelb angepinselt. Der mexikanische Polizist hat sich zudem extra auf sein Pferd gesetzt, um bei der Bewachung der Trainingseinheiten einen besseren Überblick zu haben. Und immer, wenn der spiegelverglaste Bus mit den deutschen Fußballern um die Ecke biegt, scharren selbst die Paarhufer aufgeregt."Die Mexikaner hier im Hotel sind so stolz, daß sie die deutsche Mannschaft zu Gast haben. Jetzt aber kann ich nicht zu denen hingehen und sagen: Paßt mal auf, wir sind noch in der Vorbereitungsphase und haben noch ein paar Stammspieler vorsichtshalber zu Hause gelassen." Ribbeck weiß eben, was sich gehört. "Für uns gab es nur zwei Alternativen. Entweder nicht anzutreten, oder dieses Bild abzugeben. Wir haben uns für das Zweite entschieden, und ich hoffe, daß wir dem Mexikaner noch zeigen können, daß wir besser spielen können, vor allem länger als 60 Minuten."Seit Monty Python wissen wir ja schon mehr über den Sinn des Lebens. Schwer vernebelt bleibt uns bisher dagegen der Sinn des Konföderationen-Cups. Für die Menschen, deutsche wie mexikanische, die diesen aber finden wollen, unternimmt der erfahrene Teamchef vorsichtige Versuche. "Dieser Wettbewerb war von uns nicht gewünscht worden, aber alle Beteiligten aus der Bundesliga und vom Deutschen Fußball-Bund sind zu diesem Konsens gekommen. Dabei geht es nicht nur darum, eventuell Punkte für die deutsche WM-Bewerbung zu sammeln, sondern wir haben auch eine moralische Verpflichtung, nachdem wir ja einmal verweigert haben."Verweigert hatte Deutschland seine Teilnahme am Konföderationen-Cup 1997. Die Bundesliga-Vereine hatten sich vehement gegen eine Teilnahme ausgesprochen. Für den Europameister von 1996 sprangen seinerzeit die Tschechen als Vize-Europameister ein. Für diesen Verzicht will man sich mit der jetzigen Teilnahme rehabilitieren. Denn eigentlich war Weltmeister Frankreich als Europa-Vertreter für dieses Erdteil-Turnier geplant. Eigens für die Franzosen hatte der Weltfußball-Verband Fifa den Termin vom Januar in den Sommer verlegt. Diese wiederum hatten im letzten Jahr den Mut, für das Turnier abzusagen. So sprang Deutschland ein."Das war nicht mein Wunsch, hier zu spielen", sagt Erich Ribbeck. "Ich wußte, was auf uns zu kommt, aber man hofft ja, so wie in den ersten 60 Minuten gegen Brasilien." Auch für die nächsten beiden Spiele, morgen gegen den gefürchteten Ozeanienmeister Neuseeland und am Freitag gegen die Mannschaft der USA, sieht Ribbeck "die Wettbewerbsfähigkeit unserer Mannschaft" nicht gegeben. Das werden auch wieder schwere Stunden für den Mexikaner."Da muß ich nicht Teamchef sein", erzählt Ribbeck, "das sieht jedes Kind, daß, wenn sich die Brasilianer in einen Rausch spielen, nicht nur wir Deutsche schlecht aussehen. Wir sind noch nicht richtig fit. Wenn Bayern München in einer solchen Phase in Siegen verliert, fragt keiner mehr nach." Vor allem nicht der Mexikaner.Ein führender Repräsentant eines in Berlin sehr bekannten Fußballvereins soll gesagt haben, daß dieses Turnier nicht dafür geeignet sei, Deutschland so zu präsentieren, wie es möglich wäre. Ribbeck, der vorderste Verkäufer der deutschen Ware, verkauft gut: "Ich weiß, daß wir hier nicht positiv auffallen können. Aber die, die so etwas sagen, sollen sich doch mal überlegen, wer denn davon profitiert, wenn Deutschland die WM 2006 ausrichten darf. Ich bestimmt nicht. Die Vereine aber sehr wohl, vor allem aber unsere Hauptstadt."Während der Teamchef noch erwartet, daß man über den Tellerrand hinaus blicken sollte (Ribbeck: "Bei manchen glaube ich jedoch, die haben nur einen Dessertteller"), beschäftigen sich die Mexikaner lieber mit Lothar Matthäus. Den kennen sie noch aus guten alten Zeiten. Für den Mexikaner ist Matthäus wie Käfer-Fahren.

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