Sport : Wenn der Samstag kommt: Fußball zum Lunch

Mike Ticher

Die innige Liebe der englischen Fans zum FA Cup ist für Fans in anderen Ländern nicht immer nachvollziehbar. Auch in Deutschland nicht, wo der DFB-Pokal nur noch von unterklassigen Klubs ernst genommen wird. Doch auch dem ältesten Landespokal überhaupt - 1872 schlugen die Wanderers die Royal Engineers 1:0 im ersten englischen Finale - wurde im vergangenen Jahrzehnt übel mitgespielt. Statt am Wochenende werden viele Spiele am Montag angepfiffen. Nicht gerade ein traditioneller Fußballtag. Die einzelnen Runden ziehen sich hin. Auslosungen für die nächste Runde finden schon statt, bevor alle Partien gespielt sind. Der Fußballfan verliert den Überblick.

Doch nun will der junge Chef der englischen Football Association die Tradition neu erfinden. Als Erster stemmt sich Adam Crozier gegen den europaweiten Trend, Spieltage immer stärker aufzuteilen, bis dann an jedem Tag in der Woche Fußball gespielt wird. Ein interessantes Experiment: Alle Spiele einer Runde sollen zumindest im FA Cup künftig an den beiden Tagen eines Wochenendes stattfinden. Sogar das Fernsehen, das möglichst viele Spiele übertragen will und daher an einer Aufteilung interessiert ist, musste dem Deal zustimmen.

In der Liga dagegen, wo der Pay-TV-Sender Sky das Sagen hat, ist inzwischen so ziemlich jede Anstoßzeit zwischen Freitag und Montag ausprobiert worden, seit Chelsea und Everton am 31. August 1984 das erste Freitagabendspiel zur größeren Ehre des Fernsehfußballs austrugen. Um möglichst viele Spiele live übertragen zu können, wird inzwischen auch samstagsum zwölf oder sogar um halb elf gekickt.

Und oft ist bei diesen Spielen auch noch der beliebteste englische Klub betroffen, Manchester United. Versuchen Sie mal, Samstag früh mit der maroden British Rail in Manchester loszufahren und dann pünktlich mittags, sagen wir in London, anzukommen! Oder umgekehrt, von London zum Auswärtsspiel nach Manchester zu reisen. Besonders gehasst aber sind auch in England Spiele am Sonntagabend um 18 Uhr. Denn dann wird es schwierig, am selben Abend noch zurückzureisen, um am Montag wieder pünktlich bei der Arbeit oder in der Schule zu sein.

Doch im Gegensatz zu den deutschen Fans, die sich zu diesen Problemen bereits lautstark Gehör verschafft und für den nächsten Spieltag erneut Proteste angekündigt haben, wird bei uns in guter alter englischer Manier nur gegrummelt und gegrollt. Gleichzeitig herrscht in der Premier League noch immer ein solcher Zuschauer-Boom, dass die Stadien fast immer ausverkauft sind. Die Hälfte der Premier-League-Clubs baut ihr Stadion aus oder errichtet ein größeres neues. Der Grad der Übersättigung durch das Fernsehen oder der Ärger über verrückte Anstoßzeiten ist unter solchen Umständen schwer messbar. Und den Spielern ist die Anstoßzeit sowieso egal. Sie beschweren sich höchstens darüber, dass sie ohnehin viel zu viel arbeiten müssen.

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