Sport : Wenn der Samstag kommt: Geld ruiniert den Fußball

Mike Ticher

Sind die Hooligans zurück im Stadion? Trotz Videoüberwachung, Fan-Ausweisen und Arenen ohne Stehplätze? In letzter Zeit gab es in England eine Reihe von Vorfällen, die einen solchen Rückschritt vermuten lassen. Fans werfen mit schweren Pfundmünzen nach Spielern (vorzugsweise David Beckham oder Sol Campbell) und laufen wieder aufs Spielfeld, das nicht mehr von Zäunen geschützt wird. So geschehen in Cardiff, Tottenham oder Manchester.

Niemand kann im Moment sagen, ob der schmerzhafte Geldregen in den Stadien eine kurze Modeerscheinung ist oder eine ernsthafte neue Bedrohung der Sicherheit im Fußball. Solche Auswüchse hängen von zu vielen Gründen ab, um sie sicher beurteilen zu können. Früher haben (meist konservative) Beobachter sich für die eingangs erwähnten harten Maßnahmen eingesetzt und damit auch einigen Erfolg gehabt. Dagegen gab es Opposition einer kleinen Gruppe von (meist linken) Dissidenten die ganz allgemein "die Gesellschaft" für das Hooligan-Problem verantwortlich machten. Diese Analyse ist sicher auch nicht falsch - aber leider praktisch nutzlos.

Nach dem Heysel-Desaster in den Achtzigerjahren gab es einen Aufsatz, der auf der Suche nach Gründen die beiden beteiligten Städte Liverpool und Turin verglich. Die eine, Liverpool, war demnach hässlich und gefährlich. Die andere, Turin, weltoffen und selbstsicher. Man braucht kein Genie zu sein, versicherte der Autor jenes Beitrags, um zu erkennen, aus welcher Stadt die Hooligans kommen würden, die dann für die Ausschreitungen und Toten von Brüssel verantwortlich waren.

Dieses Thema wurde im Zusammenhang mit der WM 1990 in Italien noch einmal aufgegriffen. Die gesunde Leidenschaft der Italiener wurde mit der plumpen Gewalttätigkeit der Engländer kontrastiert. Zehn Jahre später hatte Italien sein Hooligan-Problem, während Englands Premier League als Beispiel für glamourösen New-Economy-Fußball galt, in dem für Hooligans kein Platz mehr war. Hatten sich die englische und die italienische Gesellschaft in zehn Jahren derart verändert? Haben Liverpool und Turin die Rollen getauscht? Natürlich nicht. Es ergab sich nur, dass "die Gesellschaft" vielleicht doch ein komplizierteres Gebilde ist, als es sich Fußball-Soziologen vorstellten.

Nun ist die Ratlosigkeit groß. Und nun werden wieder unausgegorene Ideen kommen, wie das Problem zu lösen ist. Eine Zeitung hat ernsthaft vorgeschlagen, alle Münzen am Eingang einzusammeln. Sicher ist dabei nur eins: Wenn sich die neue Gewaltwelle als langfristiger Trend etabliert, dann so, dass ihr mit Law-and-Order-Methoden genausowenig beizukommen ist wie mit weltfremder Soziologie.

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