Sport : Wenn der Samstag kommt: Trinken bis zum Exzess

Mike Ticher

Englands Fußballer trinken gern mal einen über den Durst. Das ist nichts Besonderes. Die Schlagzeilen der vergangenen Woche aber wurden von einem erschreckenden Fall bestimmt, einem Gewaltexzess unter Alkoholeinfluss. Lee Bowyer und Jonathan Woodgate, bei Leeds United unter Vertrag, verbrachten im Januar 2000 einen feuchtfröhlichen Abend, der mit einer Menschenjagd durch die Innenstadt zu Ende ging. Der Student Sarfraz Najeib wurde dabei geschlagen, getreten und gebissen. Die beiden Fußballer wurden wegen schwerer Körperverletzung angeklagt.

In einem ersten Prozess wurden Bowyer und Woodgate von rassistischen Motiven freigesprochen. Doch nach einer öffentlichen Diskussion mussten die beiden Nationalspieler erneut vor Gericht - gemeinsam mit zwei von Woodgates Freunden aus seiner Heimatstadt Middlesbrough. Einer dieser Freunde wurde jetzt zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Woodgate und sein anderer Kumpel befand das Gericht des Landfriedensbruchs für schuldig. Bowyer wurde freigesprochen und akzeptierte eine Geldstrafe von einer Million Pfund, weil er die Ermittler angelogen hatte.

Bowyer, der mit Sicherheit für England zur Fußball-Weltmeisterschaft nach Japan und Südkorea fahren würde, wenn es diesen Exzess nicht gegeben hätte, wurde auf die Transferliste gesetzt. Denn er weigert sich, eine zusätzlich vom Verein verhängte Geldstrafe zu akzeptieren. Dafür, dass er zu viel getrunken hat, soll er einen Monatslohn zahlen. Bei diesem Punkt - und nur bei diesem Punkt - ist sein Protest sogar nachvollziehbar, auch wenn Bowyer nun wirklich kein angenehmer Charakter ist. Denn trotz des wohltuenden Einflusses ausländischer Spieler und Trainer gehört das Trinken weiterhin zur englischen Fußballkultur. Die Liste der harten Trinker aus alten Zeiten ist nahezu identisch mit einer Best-of-Liste des englischen Fußballs der vergangenen Jahrzehnte: Jim Baxter, Bobby Moore, Jimmy Greaves (den der Alkoholismus fast zerstört hätte), Bryan Robson, Paul Gascoigne und - natürlich - George Best.

In Zeiten von Fitnesstrainern, Diätplänen und Spaghettirationen wird oft behauptet, dass dies alles der Vergangenheit angehört. Doch einige jüngere Beispiele legen andere Schlussfolgerungen nahe. Zwei Tage nach dem 11. September blamierten sich vier Chelsea-Spieler und einer ihrer früheren Teamkameraden, der inzwischen nach Leicester gewechselte Frank Sinclair, in einem Hotel nahe dem Flughafen Heathrow. Vor allem amerikanische Reisende, die möglichst schnell nach Hause wollten, waren geschockt. Chelseas Uefa-Cup-Spiel war wegen der Anschläge abgesagt worden. Von der Leine gelassen, betranken sich die Fußballer und gerierten sich als Exhibitionisten. Kopfüber sprangen sie zudem in eine Bowlingbahn, wobei Sinclair fast geköpft wurde.

Nationalspieler aus jüngeren Zeiten wie Tony Adams, Paul Gascoigne und Paul Merson haben sich öffentlich zu ihrem Alkoholismus bekannt. Von denen, die zum aktuellen Kader gehören, kamen bislang Kieron Dyer (Newcastle), Rio Ferdinand (Leeds), Jamie Carragher(Liverpool), Trevor Sinclair (West Ham), Lee Hendrie (Aston Villa), Frank Lampard (Chelsea) and Robbie Fowler (jetzt auch Leeds, vorher Liverpool) durch Alkoholexzesse in die Schlagzeilen. Manchester City und der FC Middlesbrough wurden als Klubs genannt, bei denen auch in heutigen Zeiten noch eine Kampftrinker-Kultur gepflegt wird.

Weihnachten mag zwar die sportlich härteste Zeit für englische Profis sein, denn es wird hier ohne Winterpause durchgespielt. Dennoch geht es gerade in diesen Tagen immer drunter und drüber. Leeds United hat dabei wieder einmal die ausgefallensten Ideen. Die Spieler gingen auf eine zehnstündige Sauftour in der Innenstadt - verkleidet als Soldaten mit Spielzeuggewehren. Einer soll sogar eine Nazi-Uniform getragen haben. Das geschah zwei Tage vor dem Urteil im Fall Bowyer und Woodgate. Wer wundert sich da, wenn Bowyer sich weigert, für einen Vollrausch Strafe zu zahlen?

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