Sport : Wenn der Sport den Tod verdrängt

Benedikt Voigt

Es war an einem Sonntag gegen 22.20 Uhr, als Martin Höllwarth im Ostallgäu fünf Kilometer vor der österreichischen Grenze zum Überholen ansetzte. Auf dem Beifahrersitz saß der österreichische Skisprung-Nationaltrainer Alois Lipburger, die Rückbank besetzte sein Teamkamerad Andreas Widhölzl. Das Trio kam gerade vom Weltcupspringen in Willingen zurück. Als der österreichische Skispringer sich mit seinem Auto wieder in rechte Spur einordnen wollte, rutschte das Fahrzeug über eine Eisplatte in die Böschung und überschlug sich mehrfach. Der Wagen stand schon wieder ruhig, als ein Baum auf die Beifahrerseite fiel und Alois Lipburger erschlug.

Seit dem tragischen Unglück sind elf Monate vergangen. Dieser Tage, bei der 50. Vierschanzentournee, jedoch rückt der Tod des österreichischen Nationaltrainers, den alle nur "Liss" nannten, in den Hintergrund. "Das ist ein Tabuthema", sagt ein österreichischer Journalist, man wolle nicht alte Wunden aufreißen, weil doch im Skispringen der Kopf eine entscheidende Rolle spiele. Zumal die beiden überlebenden Autoinsassen, Andreas Widhölzl als Viertplatzierter und Martin Höllwarth als Sechstplatzierter, vor dem dritten Springen heute auf der umgebauten Bergisel-Schanze in Innsbruck (13.45 Uhr, live auf RTL) noch Chancen auf den Gesamtsieg haben. Rund 22 Punkte beziehungsweise 24 Punkte fehlen ihnen auf den Führenden Sven Hannawald. "Wir müssen darauf hoffen, dass Hannawald auch mal einen Fehler macht", sagt Widhölzl. Bei dem Unfall am 5. Februar 2001 hatte er sich ein Schleudertrauma zugezogen, doch er konnte wie Höllwarth nach einem kurzen Aufenthalt wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden. Seitdem ging jeder auf seine Weise mit dem Tod des Trainers um.

"Der Unfall spielt bei der Vierschanzentournee überhaupt keine Rolle", sagt Martin Höllwarth, "wir haben das alles total verarbeitet." Wegen einer Teilschuld war der Unglücksfahrer zu einem Bußgeld verurteilt worden. Er wirkt gefasst, wenn er über den Unfall spricht. "Man kann nichts mehr ändern, nur etwas daraus lernen", sagt der 27-Jährige nüchtern, "wir fahren jetzt alle noch vorsichtiger Auto." Eine Woche nach Lipburgers Tod hatte das österreichische Team bei der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft in Lahti antreten müssen. Lipburgers Freund Toni Innauer übernahm damals die Mannschaft als Interimstrainer, inzwischen ist der ehemalige Sportliche Direktor auch offiziell zum österreichischen Cheftrainer aufgestiegen. In Lahti war Höllwarth dann an zwei von drei österreichischen Medaillen im Skispringen beteiligt. Für Lipburger hätten sie damals die Medaillen geholt, erzählten die Springer. Andreas Widhölzl konnte dem Team dabei nicht helfen, er reiste vorzeitig nach Hause.

"Das hatte mehrere Gründe", sagt Widhölzl heute. Er sei nicht in Form gewesen, seine Frau bekam ein Kind, und dann hatte er auch noch Lipburgers Tod miterleben müssen. Widhölzl ist ein sensibler Mensch, er reagiert emotionaler als Höllwarth auf die Frage nach Lipburger. Es fällt ihm nicht leicht, über den Unfall zu sprechen. Erst hustet der 25-Jährige kurz, dann setzt er sich im Innsbrucker Mannschaftshotel der Österreicher auf einen Tisch und überlegt. "Wir denken oft an Liss", sagt Widhölzl, "aber das sind positive Erinnerungen." Der Unfall spiele zwar keine Rolle mehr, doch man spreche jetzt über die vielen Erlebnisse, die man gemeinsam hatte. Eines habe sich jedoch verändert: "Die Mannschaft hält jetzt besser zusammen."

Nach dem Unglück hatte Widhölzl einen Psychologen kontaktiert, um das Geschehen besser verarbeiten zu können. Unter Lipburger hatte er sein international bestes Ergebnis erreicht, als er in der Saison 1999/2000 die Vierschanzentournee gewann. Das schweißt zusammen. Lipburger wurde 44 Jahre alt und hinterließ seine Frau und zwei Kinder. "Mir ist es sehr wichtig, dass ich immer noch einen guten Kontakt zu seiner Frau und den Kindern habe", sagt Widhölzl.

Es ist die erste Vierschanzentournee nach Lipburgers Tod. Nachdenklicher aber stimmt es Widhölzl, dass sein Trainer, dessen Frau Carolyn aus den USA stammt, die Olympischen Spiele ab dem 8. Februar in Salt Lake City nicht erleben kann. "Der Liss war doch ein halber Ami", sagt Widhölzl, "er hatte immer gewollt, dass die Österreicher in Salt Lake City gut auftreten."

Es ist aber nicht so, dass die beiden vor elf Monaten Verunglückten ständig an den Unfall denken. "Das ist das erste Mal, dass ich auf dieses Thema angesprochen werde", sagt Höllwarth. Elf Monate können eine lang Zeit sein. Längst beschäftigten sie sich mit anderen Dingen. Gegenwärtig geht es um Anlaufgeschwindigkeit, Absprung und vor allem um die neue Bergiselschanze. Der Sport hat den Tod verdrängt. Eines aber sei auch sicher, sagt Höllwarth: "Wir werden den Liss nie vergessen."

Hannawald pausiert wieder

Die Fans des Skispringers Sven Hannawald können sich langsam für den Vortag eines Springens bei der 50. Vierschanzentournee etwas anderes vornehmen. Vor den Fernseher jedenfalls brauchen sie sich nicht zu setzen, um einen Qualifikationsdurchgang anzusehen. Da fehlt ihr Held nämlich regelmäßig. Nach Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen ließ Hannawald auch die Qualifikation in Innsbruck aus. "Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme", sagte der Führende in der Tournee-Gesamtwertung, "ich hatte bei den Probesprüngen eine harte Landung." Auch Martin Schmitt ließ seinen Qualifikationssprung aus.

Hannawald muss somit beim heutigen dritten Springen der Vierschanzentournee auf der Bergisel-Schanze im K.o.-Durchgang zum dritten Mal gegen den Qualifikationsbesten antreten. Diesmal ist das der Österreicher Martin Höllwarth, der 130 Meter weit sprang.

Sven Hannawald hatte zuvor in zwei Trainingssprüngen die größten Weiten des Tages vorgelegt: 132 und 132,5 Meter. Die neue Schanze scheint dem Sieger von Oberhof und Garmisch-Partenkirchen zu liegen: "Es macht riesigen Spaß, hier zu springen." Martin Schmitt zeigte ebenfalls im Training mit zweimal 131 Metern, dass er wieder zu alter Form zurückfindet. Der viermalige Weltmeister muss heute im K.o.-Durchgang gegen den Russen Ildar Fatkullin antreten, der auf 127 Meter gesprungen war.

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