Sport : Wenn der Stammtorwart das Hotelzimmer zerlegt

Schon oft gab es überraschende Berufungen in die deutsche Nationalelf – nicht immer mit guten Folgen

Sven Goldmann

Hochzeit? Kann warten. Wenn die Nationalmannschaft ruft. Heute benennt Bundestrainer Joachim Löw seinen EM-Kader, und von keinem Kandidaten ist bekannt, dass er ähnliche Ambitionen hat wie früher Reinhold Münzenberg. Den Aachener Verteidiger hat 1934 die wohl kurioseste Nominierung aller Zeiten ereilt, nach der Niederlage der Deutschen im Halbfinale der WM 1934 in Italien gegen die Tschechoslowakei.

Die Nationalspieler warten auf dem Bahnhof von Neapel auf den Zug nach Rom, da erwischt Reichstrainer Otto Nerz den Münchner Verteidiger Siggi Haringer. Beim Verzehr einer Apfelsine! Nerz ist ein strammer Nazi, Disziplin geht ihm über alles. Da er seinen Spielern nur ein Glas Milch gestattet hat, wertet er Haringers Imbiss als Affront und schickt ihn nach Hause. Per telegraphischer Anweisung nominiert Nerz den Aachener Münzenberg, der eigentlich seine Hochzeit im Kopf hat. Münzenberg vertröstet seine Braut und nimmt den nächsten Zug nach Neapel, wo er beim 3:2 im Spiel um Platz drei gegen Österreich zu den besten Deutschen gehört. Die Hochzeit wird nachgeholt.

Vier Jahre später bei der WM in Frankreich hat Sepp Herberger die Verantwortung für die Nationalmannschaft. Deutschland scheitert schon in der ersten Runde an der Schweiz – was vor allem daran liegt, dass Herberger auf persönliche Anordnung Hitlers seine Mannschaft zur Hälfte mit Spielern aus dem angeschlossenen Österreich bestücken muss. Nie wieder wird Herberger sich bei der Aufstellung von außen reinreden lassen. Als ein paar Wochen vor der WM 1954 in der Schweiz der 1. FC Kaiserslautern im Finale um die deutsche Meisterschaft 1:5 gegen Hannover 96 untergeht, beruft Herberger trotzig fünf Lauterer und keinen einzigen Hannoveraner in sein WM-Aufgebot. Der Erfolg gibt ihm Recht. Der überragende Lauterer Fritz Walter führt Deutschland zum sensationellen Sieg im WM-Finale gegen Ungarn.

Die Zuneigung zu Fritz Walter prägt nun Herbergers Karriere. 1958 überredet er den 37-jährigen Lauterer zum Comeback bei der WM. Fritz Walter, zwei Jahre zuvor aus der Nationalelf zurückgetreten, spielt ein großes Turnier, das für ihn tragisch endet. Im Halbfinale wird er vom Schweden Parling schwer verletzt. 1962 will Herberger den längst im Ruhestand weilenden Walter nochmals überreden, aber diesmal sagt der inzwischen 41 Jahre alte Lieblingsschüler ab. Dafür wird nach dreijähriger Pause der Kölner Hans Schäfer reaktiviert, auch ein Held von Bern. Im Tor steht der 20-jährige Wolfgang Fahrian vom Zweitligisten TSG Ulm. Der eigentliche Stammtorhüter Hans Tilkowski zerlegt vor Wut sein Hotelzimmer.

Auf Herberger folgt Helmut Schön, ein vorsichtiger Mann. Erst unter Jupp Derwall kehrt das Überraschungsmoment zurück. Für die EM 1980 in Italien beruft Derwall den Mönchengladbacher Lothar Matthäus, der zu diesem Zeitpunkt auf die Erfahrung von 28 Bundesligaspielen zurückblickt. Es heißt, Matthäus sei bei der Nominierung in Tränen ausgebrochen – nicht vor Freude, denn er hatte schon den Sommerurlaub mit seiner Freundin gebucht... Im zweiten EM-Spiel gegen Holland führen die Deutschen 3:0, da schickt Derwall den Debütanten für Kapitän Bernard Dietz auf den Platz. Dietz erzählt später, er habe eine Leistenverletzung simuliert, um den ungeduldigen Matthäus zu befrieden. Nach sieben Minuten verursacht der Debütant einen Elfmeter, die Holländer kommen bis auf 2:3 heran. Auf der Bank überstehen Dietz und Derwall qualvolle Minuten, und Matthäus muss eineinhalb Jahre warten, bis er das nächste Mal für Deutschland spielt.

Vier Jahre später eine weitere Überraschung. Derwall nominiert den Halb-Invaliden Gerd Strack für die EM 1984. Der Kölner hat die entscheidende Saisonphase wegen einer Knieverletzung verpasst. Strack spielt bei der EM keine Minute, legt aber ein schönes Fotoalbum an. Die EM endet für die Deutschen in der Vorrunde, Derwall räumt seinen Posten für Franz Beckenbauer. Der beruft für die WM 1986 in Mexiko überraschend den Münchner Norbert Eder. Von ihm ist folgender Dialog überliefert. Eder: „Franz, das kannst du nicht bringen. Da stehen eine Reihe Nationalspieler an, und du willst einen 30-Jährigen aufstellen, der in elf Jahren kein einziges Länderspiel gemacht hat, und das auch noch drei Wochen vor der WM. Das kannst du niemandem verkaufen.“ Beckenbauer: „Das ist mir wurscht.“ Eder fährt nach Mexiko, Guido Buchwald bleibt zu Hause. Nach neun Länderspielen in 49 Tagen, davon sieben bei der WM, alle über 90 Minuten, beendet Eder seine Karriere in der Nationalmannschaft.

Beckenbauers Nachfolger Berti Vogts holt gleich einen verdienten Altstar zurück. Völlig überraschend findet sich Rudi Völler im Aufgebot für die WM in den USA. Der ist zwar schon 34 Jahre alt, aber der Bundestrainer findet eine interessante Begründung: Völler habe durch die internationale Sperre seines Klubs Olympique Marseille Zeit genug gehabt, sich für einen Einsatz in der Nationalmannschaft auszuruhen. Eineinhalb Jahre nach seinem Rücktritt schießt Völler zwei Tore beim 3:2 im Achtelfinale gegen Belgien. Das 1:2 im Viertelfinale gegen Bulgarien ist sein 90. und letztes Länderspiel.

Zwei Jahre später feiert der Bundestrainer Vogts bei der EM in England seinen größten und einzigen Erfolg. Weil ein paar Tage vor dem Finale nur noch zwölf gesunde Feldspieler zur Verfügung stehen, erreicht Vogts eine Sondergenehmigung, er ruft den Freiburger Jens Todt in dessen Lieblingsrestaurant an und fragt, ob dieser nicht vielleicht Zeit hätte. Todt nimmt das nächste Flugzeug, aber da sich der Krankenstand schnell reduziert, darf er sich Oliver Bierhoffs Golden Goal gegen die Tschechen von der Tribüne aus anschauen. Die Uefa führt ihn offiziell als Europameister.

Nach der missratenen EM 2004 in Portugal wäre Matthäus gern Bundestrainer geworden. Ein Konsortium aus Liga und Verband verhindert die Inthronisierung. Den Job bekommt Jürgen Klinsmann, bekanntlich kein Freund von Matthäus. Die „Bild“-Zeitung, Matthäus zugetan, arbeitet hart, aber vergeblich an Klinsmanns Demontage. Als der Bundestrainer an Stelle des Schalkers Kevin Kuranyi völlig überraschend den Dortmunder Null-Länderspiele-Sprinter David Odonkor für die WM 2006 im eigenen Land nominiert, titelt „Bild“: „Was hat Klinsi da bloß ausgebrütet?“ Ein paar Wochen später bereitet der schnelle Odonkor das 1:0-Siegtor gegen Polen vor, und ganz Deutschland fällt in einen kollektiven Fußballrausch.

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