Sport : Wenn der Winter stinkt

In Amerika wird kein Eishockey gespielt. Fans und Wirtschaft leiden darunter. Ein Besuch in Vancouver.

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Roger Neilson wirft das Handtuch. Er tut das unentwegt, seit seine Statue im April 2011 vor der Arena der Vancouver Canucks errichtet wurde. Neilson war einer der größten kanadischen Eishockeytrainer, er verstarb 2003. Zu Lebzeiten war er bekannt dafür, sich nichts bieten zu lassen. Weil er sein Team von den Schiedsrichtern benachteiligt sah, nahm er sich während eines Spiels im Jahr 1982 ein Handtuch, befestigte es am Schläger, wedelte damit vor seiner Trainerbank herum und signalisierte die Aufgabe. Seine Geste ging in die kanadische Sportgeschichte ein. Doch derzeit ist es ziemlich einsam an Neilsons Statue. Denn in der National Hockey League (NHL), der besten Eishockeyliga der Welt, wird dieser Tage gestritten und nicht gespielt. Und so ist auch die Arena in Vancouver verschlossen, die Spieler sind ausgesperrt. Viele von ihnen haben Nordamerika den Rücken gekehrt und flitzen in Europa über das Eis.

Zurückgeblieben sind die Fans der Canucks. Im Back Forty, einer Kneipe unweit der Halle organisiert eine Gruppe Frustrierter ihren Protest. Bei Bier und Burger versuchen sie, ihrem Unmut Gehör zu verschaffen. „NHL stinks with empty rinks“, steht es in großen Lettern vor dem Eingang. Drinnen wird diskutiert, nebenbei läuft American Football auf den Bildschirmen. Aber das interessiert hier kaum jemanden. Eishockey ist der kanadische Nationalsport, wird in der NHL nicht gespielt, kommt das einer nationalen Tragödie gleich. Die Zeitungen in Vancouver berichten auf den Titelseiten über den Fortgang der Tarifverhandlungen. Kürzlich erklärte Eishockeyidol Wayne Gretzky, er glaube nicht an eine Absage der Saison wie noch 2004/05. Doch das war bevor die NHL die „Winter Classics“ am Neujahrstag absagte. 110 000 Tickets waren für das Spiel zwischen Detroit und Toronto in einem Football-Stadion verkauft.

„Die interessieren sich einen Dreck für unsere Meinung“, sagt Marc. Er verkauft unweit der Halle der Canucks, im Granville Sports Corner, Trikots und Kappen aus den Profiligen. Vor allem NHL-Artikel sind beliebte Souvenirs. Doch derzeit verirren sich nur ein paar Touristen in seinen Laden, der „Lockout“ verdirbt das Geschäft. „Sie sehen ja, was los ist“, sagt er. „Ich kann nur hoffen, dass bald wieder gespielt wird.“ Doch er glaubt nicht daran und blickt resigniert ins Leere. Die Schuldfrage im Streit zwischen Klubbesitzern und Spielergewerkschaft um einen Tarifvertrag stellt sich für ihn nicht. „Die Profis wollen immer nur noch mehr Millionen“, schimpft er und schüttelt angewidert den Kopf. „Die Klubeigentümer tragen das Risiko und müssen für mittelmäßige Spieler, die vielleicht zehn Tore pro Saison schießen, Unmengen von Geld bezahlen. Da fehlt jede Verhältnismäßigkeit.“

Um die Ecke, in der Robson Street, Vancouvers berühmter Einkaufsstraße, befindet sich der offizielle Team-Store der Canucks. Auf dem Videoschirm laufen Highlights in Endlosschleife, 2011 fehlte den Canucks nur ein Sieg zur Meisterschaft. Christian Ehrhoff war damals bester Verteidiger des Teams, zur Zeit spielt er bei seinem Heimatverein in Krefeld. Er hat kürzlich gesagt: „Die Liga hat großspurig Rekordeinnahmen und Rekordzuschauerzahlen verkündet – und die Spieler dann wenige Wochen später ausgesperrt. Dafür haben die Fans kein Verständnis.“ Wenn er sich da nicht täuscht. Auch im Fan-Geschäft der Canucks wird kaum verkauft, die Mitarbeiter lächeln den Frust kanadisch-freundlich weg. „Immerhin haben sie ja wieder miteinander geredet“, sagt ein junger Verkäufer und meint damit die scheinbar hoffnungslos ineinander verhakten Streitparteien. 3,3 Milliarden US-Dollar gilt es zwischen Eigentümern und Profis zu verteilen, die NHL setzt so viel um wie die englische Premier League, die erfolgreichste Fußballliga der Welt. Doch der Fluss der Millionen stockt. Fernsehanstalten leiden unter dem Rückgang von Werbeerlösen, Bierbrauer drohen der Liga mit Klage, weil der Zuspruch der Kanadier zu ihrem Gebräu ohne Eishockey zu wünschen übrig lässt. Und jetzt überlegt Adidas, sich von einem Teil seiner US-Tochter Reebok zu trennen: Mit NHL-Lizenzprodukten hat Reebok jährlich 100 Millionen Euro Umsatz gemacht.

Der Herbst in Vancouver wird nicht schöner. Es gibt keinen Verhandlungstermin im NHL-Streit. Möglich, dass bald das weiße Handtuch geschwungen wird – was die Saison 2012/2013 betrifft.

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