Sport : Wenn die Abwehr angreift

Irene Ivancan überrascht bei der Tischtennis-Meisterschaft

Friedhard Teuffel

Cottbus. Als Nicole Struse zum ersten Mal Deutsche Damenmeisterin im Tischtennis wurde, war sie 15 Jahre alt. 1987 war das, in Berlin. „Damals ist mein Stern aufgegangen. Deshalb liegt mir das Turnier so am Herzen.“ Am Sonntag hat sie diese Herzenssache wieder gepflegt und in Cottbus ihren siebten Titel gewonnen. Sieben deutsche Meisterschaften hatten bisher nur zwei Damen namens Trude Pritzi und Hilde Bussmann geschafft, zwischen 1936 und 1951.

Es war keine große Überraschung, dass Struse auch im Jahr 2004 das Endspiel gewonnen hat, und auch nicht, dass Timo Boll zum vierten Mal hintereinander Meister wurde. Die Überraschung war die Finalteilnahme von Struses Gegnerin Irene Ivancan. Sie ist nämlich erst zwanzig Jahre alt, hat in der Bundesliga für den TuS Bad Driburg allenfalls mittelmäßig gespielt und ist dazu noch Abwehrspielerin. Seit langem hat keine Abwehrspielerin mehr den Durchbruch in die deutsche Spitze geschafft. Doch sie hat ein sehr modernes Abwehrspiel. Kaum spielt ihre Gegnerin den Ball weniger druckvoll, greift sie selber gefährlich an.

Überraschungen sind selten im deutschen Damentischtennis. Seit Jahren dominiert eine Generation, und keine junge Spielerin konnte in ihren Kreis eindringen. Die Jüngeren hatten es auch deshalb schwer, weil in dieser Zeit einige Chinesinnen eingebürgert wurden. Doch Ivancan hat in Cottbus gezeigt, dass auch diese Generation zu besiegen ist. Im Achtelfinale gewann sie gegen Jie Schöpp, die in der Weltrangliste auf Platz 27 liegt und damit hinter Struse (Position 24) die zweitbeste Deutsche ist. Gemeinsam mit Schöpp gewann Irene Ivancan in Cottbus auch den Titel im Doppel.

Schöpp ist genau wie Ivancan Abwehrspielerin. Inzwischen ist die gebürtige Chinesin 36 Jahre alt und hat ihre Karriere trotz mehrfacher Ankündigung noch nicht beendet. Kann Ivancan nun den Platz besetzen, den Schöpp bald freimacht? Der deutsche Chefbundestrainer Dirk Schimmelpfennig sagt: „Sie ist auch eine taktische Variante.“

Dazu müsste sich Irene Ivancan erst einmal für Tischtennis entscheiden. Doch sie möchte studieren und wird deshalb zurück in ihre Heimat nach Stuttgart wechseln und sich dort einem Zweitligaverein anschließen. „Ich brauche eine Zweitbeschäftigung, um voll ausgelastet zu sein“, sagt sie und sieht dabei entschlossen aus. Ihre Bundesligabilanz von 6:11 im hinteren Paarkreuz erklärt sie mit der Doppelbelastung Tischtennis und Abitur. Die Bundestrainer scheinen noch nicht recht überzeugt von ihrer Karriereplanung. „Wenn wir gemeinsam ein Trainingsprogramm und eine internationale Zielstellung finden, dann steht die Tür offen“, sagt Schimmelpfennig.

Doch als die Bundestrainer vor der Saison die Plätze für den A- und B-Kader vergaben, entschieden sie sich für Nadine Bollmeier vom SC Bayer 05 Uerdingen. Auf Bollmeier traf Ivancan nun im Halbfinale. 0:3 lag sie schon zurück und gewann das Spiel noch 4:3. Das Gleiche war ihr schon im Viertelfinale gelungen gegen die Nationalspielerin Jessica Göbel. „Ich komme erst langsam in ein Spiel rein“, sagt Irene Ivancan. Vielleicht trifft das auch auf ihre ganze Karriere zu.

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