Sport : Wenn die Geschichte sich wiederholt

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Von Erik Eggers

Köln. Nie, das jedenfalls behaupten kluge Köpfe, wiederholt sich die Geschichte. Als die USA vor rund zehn Jahren im Golfkrieg siegten, führte General Norman Schwarzkopf das auf die Anwendung jener berühmten Zangentaktik zurück, mit der Hannibal anno 216 vor Christus bei Cannae die Römer besiegte. An eine wirkliche Parallele wollte indes keiner glauben angesichts der Mittel der Strategen – Hannibal nutzte Reiter und Elefanten, Schwarzkopf ferngesteuerte Langstreckenbomber und Raketen. Nie also wiederholen sich historische Konstellationen.

Nie – außer im Fußball. Denn in der gleichen prekären Lage von heute befand sich Real Madrid schließlich schon vor 42 Jahren. Die Weltstars um Zidane, Figo und Raul haben heuer mit einem enttäuschenden dritten Platz die nationale Meisterschaft verspielt – 1960 belegte Real bereits das zweite Mal hintereinander nur den zweiten Platz hinter dem FC Barcelona. Das diesjährige Finale im Pokal verlor Real gar im eigenen Stadion gegen Deportivo La Coruña – damals gab es im Endspiel gegen den Lokalrivalen Athlético eine 1:2-Niederlage.

Das morgige Finale in der Champions League ist für Real kaum mehr als ein Schmerzensgeld für nationale Frustrationen – wie damals, als die gesamte spanische Öffentlichkeit einen klaren Sieg im Europapokal der Landesmeister erwartete. Damals wie heute setzte sich Real Madrid im Halbfinale gegen Barcelona durch. Damals wie heute findet das große Saisonfinale in Schottland statt, damals wie heute im Glasgower Hampden-Park. Damals wie heute sieht sich Real einem deutschen Gegner gegenüber, der wie die Spanier in der aktuellen Saison noch keinen Titel errungen hat. Damals wie heute war der Finaleinzug der Deutschen eine Sensation.

Hier aber, das werden Geschichtstheoretiker mit Erleichterung zur Kenntnis nehmen, enden die Parallelen. Denn in dieser Saison trat schließlich Bayer Leverkusen einen sensationellen Siegeszug durch Europa an, mit glorreichen Siegen gegen den FC Barcelona, Juventus Turin, Deportivo La Coruña, FC Liverpool und Manchester United, und nicht wie 1960 Eintracht Frankfurt, das momentan in der zweiten Liga kickt.

Auch der Hampden-Park fasst heute nur noch gut 60 000 Zuschauer, weniger als die Hälfte zu den atemberaubenden 133 000 vom 18. Mai 1960. Wenn morgen das Finale angepfiffen wird, dürfte das die Ballacks, Bastürks und Schneiders nicht derart beeindrucken wie ehedem den Frankfurter Erwin Stein. „Bei so vielen Leuten schlackern einem die Knie", sagt der Stürmer, der damals zwei Tore schoss. Besonders eindrucksvoll fand er den Hampden-Roar, das Anschwellen dieser infernalischen Akustik: „Erst schreit einer, dann schreit ein Block, dann die gesamte Arena. Und weil das Stadion mitten im Wohngebiet liegt, kommt der Hall genauso laut zurück."

Stein, der heute wie alle damaligen Spieler auf Einladung der Uefa als Ehrengast nach Glasgow fliegt, wird vermutlich noch weitere Unterschiede bemerken. Die Klasse etwa, mit der Real Madrid seinerzeit auftrat, wird kaum zu überbieten sein. Auch wenn morgen mit Roberto Carlos, Raul, Zidane und Figo die zweifellos teuersten Spieler der Welt auflaufen, erscheinen sie doch nicht derart übermächtig wie die Koryphäen vor knapp einem halben Jahrhundert, die den fünften Europapokalsieg in Folge anstrebten und diesen zum Teil lediglich als Pflichtübung ansahen. Nach dem Spiel holten sich die Frankfurter von ihren Gegnern Autogramme. Über allen thronte Alfredo di Stefano, der argentinische Stürmerstar, unter dem sogar Mitspieler wie Ferenc Puskas verblassten. Dazu kamen schnelle Außenstürmer wie Gento und der uruguayische Verteidiger Santamaria, genannt „die Wand".

Vermutlich wünscht sich die Mannschaft von Trainer Klaus Toppmöller morgen exakt jene Überheblichkeit, die Real seinerzeit auszeichnete. Beim Ergebnis indes werden die Leverkusener vorzugsweise auf die Unwiederholbarkeit historischer Tatsachen verweisen, denn Real Madrid demontierte damals den krassen Außenseiter aus Deutschland mit 7:3, Puskas schoss drei Tore, di Stefano vier.

Nie wiederholt sich Geschichte, werden sich die Leverkusener daher wünschen.

Nie, außer im Fußball?

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