Sport : Wenn die Lichter ausgehen

Seit 1935 wird in Düsseldorf an der Brehmstraße Eishockey gespielt – heute könnte es das letzte Mal sein

Sven Goldmann[Düsseldorf]

Noch vierzig Minuten bis zum Spiel. Walter Köberle schlittert übers Eis, hin zur Mannschaftsbank am Fuß der Tribüne. Die ist noch leer, weil sich die Fans der gehobenen Sorte im Vip-Zelt vergnügen. Köberle winkt hinüber zu den Stehplätzen. Dort ist schon seit einer Stunde kein Platz mehr frei. Männer, Frauen und Kinder singen das Lied vom Altbier und dass Düsseldorf die längste Theke der Welt hat. Köberle wippt auf den Sohlen und lässt den Rumpf kreisen, es sieht so aus, als wärme er sich auf für das Spiel. Natürlich wird Köberle nicht mitspielen. Er ist im Januar 57 geworden, seine Eishockey-Karriere hat er 1983 beendet. Und doch ist er nervös wie die Spieler, die vor ihm auf dem Eis ihre Runden drehen. Es ist so, wie es immer war. Die Spieler wärmen sich auf, die Fans singen sich warm. Und nun ist es vielleicht das letzte Mal an der Brehmstraße.

Düsseldorf nimmt Abschied von einer Institution. Abschied vom Eisstadion an der Brehmstraße. 71 Jahre lang hat die Düsseldorfer EG hier gespielt, achtmal ist sie hier Deutscher Meister geworden. Nach dieser Saison zieht der Verein, der sich seit vier Jahren DEG Metrostars nennt, ein paar Kilometer weiter in den ISS-Dome, einen Neubau mit 13 000 Plätzen. Die Brehmstraße bietet Platz für 10 285 Zuschauer, und jetzt ist sie endlich mal wieder ausverkauft. Das Halbfinale um die deutsche Meisterschaft hat Düsseldorf noch einmal den Klassiker beschert: das rheinische Derby gegen die Kölner Haie. Fünf Spiele sind angesetzt, wer zuerst drei gewinnt, steht im Finale gegen die Berliner Eisbären. Die Bilanz an diesem Dienstag: Düsseldorf hat das erste Spiel gewonnen, Köln das zweite. Wenn jetzt das dritte verloren ginge und zwei Tage später das vierte in Köln, dann wäre es vorbei mit der Brehmstraße. Kein Wunder, dass Walter Köberle nervös ist.

1965 hat er das erste Mal in Düsseldorf gespielt, im Trikot seines Heimatklubs Kaufbeuren. „Ich war 16 und stand wie ein Kind vorm Weihnachtsbaum. Dieser Lärm, und dann gab es ein riesiges Feuerwerk, damals hatte das Stadion noch kein Dach.“ Er weiß noch, dass es ein Abendspiel war, denn die Fans haben, auf sein Alter anspielend, gesungen: „Köberle ins Bett!“ Das hat ihm gefallen. Als er sechs Jahre später Angebote mehrerer Bundesligaklubs hatte, war es keine Frage, für wen er sich entscheiden würde.

Die Düsseldorfer haben ihn verehrt wie sonst nur den eisenharten Verteidiger Otto Schneitberger, den tschechischen Künstler Petr Hejma oder den heutigen Berliner Eisbären-Manager Peter John Lee. „Kö, Kö, Köberle!“, riefen sie, wenn der schnelle Stürmer über das Eis fegte. Später hat er sich in Berlin und Duisburg als Trainer versucht und ist immer wieder schnell zurückgekehrt. Jetzt ist er Mannschaftsleiter, bucht Flüge und Hotels für die Auswärtsreisen. Wenn die Pucks vor dem Spiel nicht hart genug sind, legt Köberle sie in den Kühlschrank seines Büros.

Sie haben immer improvisiert. Die Brehmstraße ist ein Anachronismus, ein Patchwork-Stadion, überall ist in den vergangenen 70 Jahren ein Stückchen angebaut worden, hier ein Tribünen-Balkon, dort eine neue Toilettenanlage. Das Stadion liegt in einer der bevorzugten Wohngegenden und darf nicht komplett zugebaut werden. Wenn im Winter der Wind hineinweht, schützen sich die Ersatzspieler mit Wolldecken gegen die Kälte. An warmen Frühlingstagen liegt Nebel über dem Spielfeld und die Tore sind nicht mehr zu sehen. Das Eis ist mal hart, mal weich, „das schlechteste Eis der Liga“, sagt Köberle.

Dass die Brehmstraße trotzdem zum Mythos wurde, liegt an den Fans. Das Stadion war immer schon drei Stunden vor Spielbeginn voll. Ein paar Leute begannen damit, Wunderkerzen abzubrennen. Es wurden immer mehr, und irgendwann kam der Haustechniker auf die Idee, vor dem Einlaufen das Licht abzuschalten. Das ganze Stadion leuchtete taghell. „Viele gegnerische Spieler hatten eine Heidenangst“, sagt Köberle. „Und wir sind raus aufs Eis mit unglaublichem Selbstbewusstsein. Wir waren die große DEG, wir haben uns unschlagbar gefühlt.“

Tribünenkarten gab es im freien Verkauf gar nicht, sie wurden vererbt. Für die Stehplatzkarten setzte man sich nachts mit einem Fass Bier vor die Geschäftsstelle, um morgens zum Beginn des Vorverkaufs nicht leer auszugehen. Die Spieler bekamen eine Tribünenkarte für die Ehefrau und zwei Stehplatzkarten. Damit haben sie Handwerker bezahlt oder Automechaniker, was eben gerade pressierte.

Es ist ein bisschen anders geworden, und daran ist der Klub nicht ganz schuldlos. Eishockeyfremde übernahmen die Macht, Leute wie der Reinigungsunternehmer Josef Klüh, die viel Geld hatten, aber wenig gesellschaftliche Anerkennung. Klüh steckte als Präsident viel Geld in die DEG, aber er verkaufte auch die rot-gelben Klubfarben und schickte die Mannschaft im Türkis eines Sponsors aufs Eis. Weil die Nachfrage nach teuren Sitzplätzen stieg, ließ der Vorstand neue einbauen – auf Kosten des Stehplatzblocks hinterm Tor. „Das war fatal“, sagt Köberle. „Da hatten Leute seit Jahrzehnten ihren Stammplatz. Die wollten nicht sitzen, die wollten stehen, und zwar dort, wo sie schon immer gestanden haben.“

Es ging bergab, sportlich und finanziell. Zwei Jahre musste die DEG in der Zweiten Liga spielen. Wäre vor vier Jahren nicht die Handelskette Metro eingestiegen, würde Düsseldorf im Eishockey keine Rolle mehr spielen. Jetzt ist die DEG Metrostars GmbH schuldenfrei, und damit das auch in Zukunft so bleibt, muss man den Sponsoren etwas bieten. Im ISS-Dome wird es 38 Logen und 624 Business Seats geben. An der Brehmstraße gibt es ein Vip-Zelt auf einem Parkplatz.

Schmerzt der Abschied? Köberle zögert. „Sagen wir mal so: Ich freue mich auf die neue Arena. Die Brehmstraße ist eben nicht mehr zeitgemäß.“ Kurze Pause. „Aber wenn ich jetzt die Stimmung in den Play-offs erlebe, werde ich schon ein bisschen traurig.“ Die DEG gewinnt das dritte Halbfinalspiel gegen die Haie 6:1.Es ist ein bisschen wie früher, nur dass die Fans nicht mehr „Kö, Kö, Köberle!“ brüllen, sondern: „Vikingstad uh, uh, uh!“. Düsseldorfs Norweger Vikingstad hat drei Tore geschossen.

Das Halbfinale tröstet für manche enttäuschende Zuschauerzahl. Die Fans sind müde geworden. Wenn es nicht läuft, wird gepfiffen. Früher haben sie Sprechchöre erfunden, die sich in ganz Deutschland verbreiteten. „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unser Otto nicht.“ Das kreative Potenzial an der Brehmstraße war Thema in den Feuilletons. Heute singen sie: „Die Scheiße vom Dom“.

Wenn einer in den Siebzigern vorgeschlagen hätte, die DEG solle die Brehmstraße verlassen, hätte er gleich nach Köln ziehen können. Dreißig Jahre später hat es keine nennenswerten Proteste gegeben. Am 3. September zieht der Verein symbolisch um, mit Leierkasten, Freibier und offenen Wagen, in denen die Spieler sitzen werden. Aber vorher haben sie noch etwas zu erledigen, gegen die Kölner Haie. Nach der 4:5-Niederlage vom Donnerstag kommt es heute zum entscheidenden fünften Spiel. Und wieder könnte es das letzte Mal sein an der Brehmstraße. Oder die Party geht weiter, am Ostersamstag im Finale gegen die Berliner Eisbären. Es soll sogar ein paar Kölner geben, die der Brehmstraße so einen Abschied gönnen.

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