Sport : Wenn Draufgänger zweifeln

Das Team Telekom will Paolo Savoldelli verpflichten – ein Porträt des italienischen Radprofis

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Von Vincenzo Delle Donne

Paolo Savoldelli stellt sich nicht gern in den Vordergrund, auch wenn er dazu durchaus Grund hätte. Vor allem jetzt, da das Team Telekom den Italiener als neuen Star und möglichen Ersatz für den dopinggesperrten Jan Ullrich verpflichten will. Savoldelli ist maßvoll, eher schüchtern und introvertiert. Er neigt dazu, sich schlechter zu machen, als er eigentlich ist. Ein Minimalist eben. Erst im Rennen geht der 29-jährige Lombarde, der in Clusone nahe Bergamo geboren wurde, aus sich heraus. Man nennt ihn den „Falken“, weil er sich mit seinem Rad furchtlos und unnachahmlich die abschüssigen Strecken hinunterstürzt.

Savoldellis Profikarriere begann 1996. Damals heuerte er beim Roslotto-ZG-Rennstall an. Zuvor half er seinem Vater im Malerbetrieb. Erst 1998 trat Savoldelli allerdings ins Rampenlicht, als er überraschend die Trentino-Rundfahrt gewann. Ein Rennen, bei dem sich junge Talente traditionell hervortun und auf ihre Chance beim danach beginnenden Giro d’Italia hoffen. Den Karriere-Sprung machte Savoldelli wenig später, als er zum Saeco-Rennstall wechselte.

An der Seite Mario Cipollinis und Dario Frigos radelte er sich an die Weltspitze. 1999 landete er überraschend auf dem zweiten Platz beim Giro d’Italia. Doch dann erlitt er unvermittelt einen Rückschlag. Zwischenzeitlich geriet Paolo Savoldelli fast völlig in Vergessenheit.

Der erste Rückschlag kam im Jahr 2000, als Paolo Savoldelli sowohl den Giro d’Italia als auch die Tour de France fuhr und sich dabei übernahm. Er kam nur mit halber Kraft über die Runden, da er gleich bei der ersten Giro-Etappe schwer gestürzt war. Eine Zeit lang dachte Savoldelli damals sogar ans Aufhören. An sich selbst schwer zweifelnd, hielt er sich nicht mehr für geeignet, große Etappenrennen zu fahren.

Savoldelli gehört zu den große Bewunderern von Erik Zabel. „Er ist von Anfang an bei der Sache“, sagt der Italiener über den Deutschen, der bei Telekom wohl bald sein Kollege sein wird. Ohnehin mag der Allrounder die Sprinter. Mario Cipollini ist ein guter Freund von Savoldelli. Der italienische Sprintstar war sein Mentor und hat ihm Tipps gegeben, sich an der Spitze zurechtzufinden. Die Maxime für seine Rennen hat ihm dagegen sein alter Saeco-Mechaniker Mugnaini eingetrichtert. „Er hat immer wieder gesagt, dass es wichtig sei, sich auf einem bestimmten Level zu bewegen“, sagt Savoldelli, „weder zu hoch noch zu niedrig, weil es dann leichter ist, wieder aufzustehen, wenn man fällt.“ Eine Devise, die seinem Naturell ganz genau entspricht.

Der Sieg in diesem Jahr beim Giro d’Italia hat Savoldelli für die Stagnation der letzten Jahre entschädigt. „Ich habe ein bisschen die verlorene Zeit zurückgewonnen“, sagte er über seinen Erfolg, den er für den Idex-Alexia-Rennstall einfuhr. Er selbst hatte sich ausgemalt, bestenfalls einige Etappen zu gewinnen und es dann dabei bewenden zu lassen. Doch er siegte, ohne es recht geplant zu haben. Den Giro-Sieg empfindet Paolo Savoldelli jetzt als schwere Bürde, der er gerecht werden muss.

Im letzten Jahr wurde auch Savoldelli von den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen das Doping gestreift, da auch er eine Zeit lang von dem umstrittenen Sportmediziner Michele Ferrari betreut wurde, dem derzeit der Prozess wegen Dopingpraktiken gemacht wird. Savoldelli bleibt Ferrari gegenüber aber weiter loyal: „Was soll ich gegen ihn sagen? Ich wurde von ihm bis 2000 betreut und kann nichts Schlechtes über ihn sagen.“ Dann zeigt Paolo Savoldelli wieder, dass er zur Selbstkritik fähig ist. „Unter uns Radfahrern herrscht eine regelrechte Manie, sich irgendwelchen Betreuern anzuvertrauen“, sagt der Radprofi. „Irgendwie glauben wir, dass es dann leichter ist zu siegen.“

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