Sport : Wenn du spielst, stirbst du

Weil er beim falschen Verein spielt, erhält der Nordire Neil Lennon Morddrohungen - nun tritt er zurück

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Von Benedikt Voigt

Dublin. Der Mann, der Neil Lennons Länderspielkarriere beendete, rief am vorvergangenen Mittwoch in der BBC-Redaktion in Belfast an. Er sagte, er sei ein Mitglied der Loyalist Volunteer Force (LVF), doch er benutzte keines jener Codewörter, das die Polizei mit der protestantischen Paramilitärgruppe ausgemacht hat, um im Nordirlandkonflikt die Ernsthaftigkeit von telephonischen Bombendrohungen festzustellen. Was der Mann sagte, veranlasste trotzdem den nordirischen Fußballprofi Neil Lennon, im Mannschaftshotel in Belfast seine Sachen zu packen. Nur Stunden vor dem Freundschaftsspiel gegen Zypern (0:0), in dem er erstmals als Mannschaftskapitän auflaufen sollte, flüchtete der 31-Jährige nach Glasgow und erklärte dort das Ende seiner Karriere in der Nationalmannschaft. „Es ist die Zeit gekommen, um zu sagen: Genug ist genug“, sagte Lennon, „es ist schade, dass es so enden muss.“ Im Mannschaftshotel hatte ihn die Polizei von dem anonymen Anrufer unterrichtet. Der Mann hatte am Telefon gedroht, Neil Lennon noch auf dem Rasen zu erschießen, wenn er am Abend für Nordirland spiele.

Lennon ist ein nordirischer Katholik, der in Lurgan im County Armagh, einer Hochburg der Loyalist Volunteer Force aufgewuchs. Auf dem Tiefpunkt des Nordirlandkonfliktes wurde dieser Landstrich als „Mord-Dreieck“ bekannt. In seiner Jugend erlebte er, wie ein Bekannter erschossen wurde. „Ich kannte ihn gut und habe nur gedacht: ,Warum um Himmels willen?’“, hat Lennon einmal erzählt. Als er älter wurde, fragte ihn sein Vater, für welche Nationalmannschaft er spielen wolle. Als Katholik dürfte er auch für die Republik Irland antreten. Gerry Lennon sagt: „Ich erinnere mich, wie er sagt: ,Vater, das ist keine Frage, ich bin geboren in Nordirland, und man spielt für das Land, in dem man geboren wurde.“

Es ist auch lange gut gegangen, in dem Land, in dem er geboren wurde. Im Juni 1994 spielte er zum ersten Mal für Nordirland. Zwar sind die Fans dieser Nationalmannschaft mehrheitlich protestantisch, weil katholische Nordiren zumeist das Team der mehrheitlich katholischen Republik Irland unterstützen. Aber es gibt zahlreiche katholische Fußballer, die für Nordirland spielten und spielen, ohne das Ziel protestantischer Drohungen zu werden. Neil Lennon aber hat in den Augen protestantischer Sektierer einen großen Fehler gemacht. Er wechselte im Dezember 2000 zum falschen Klub. Er wechselte zu Celtic Glasgow. Celtics katholischer Trainer Martin O’Neill sagte der „Sunday Times“: „Er wurde noch nicht ausgebuht, als er noch für Leicester City spielte.“

Der schottische Fußballklub Celtic Glasgow wurde im 19.Jahrhundert von einem Bruder der katholischen Missionskongregation der Maristen gegründet. Der Klub ist der katholische Widerpart des protestantischen Lokalrivalens Glasgow Rangers. Was den Fußball betrifft, so ist der Konflikt der Religionen, der Irland seit Jahrhunderten spaltet, in diesem Fall sogar über die Irische See geschwappt. Beide schottische Klubs haben in Irland und Nordirland zahlreiche Anhänger, die streng nach Konfession getrennt auf Fähren zu den Spielen nach Schottland fahren. Die beiden Fangruppen stehen sich zumeist unversöhnlich gegenüber.

Für Neil Lennon begann nach seiner Unterschrift bei Celtic eine harte Zeit. Im Länderspiel gegen Norwegen im Februar 2001 buhten ihn eigene Anhänger bei jeder Ballberührung aus. Das Spiel ging 0:4 verloren, doch für manche Fans schien schlimmer zu sein, dass ein katholischer Celtic-Spieler Nordirlands Trikot trägt. Auf einer Wand in seinem Heimatort, in dem seine Eltern wohnen, schmierte jemand in dieser Zeit ein Graffiti. Es ist ein Strichmännchen, das an einem Galgen hängt. Daneben ist zu lesen: „Neil Lennon, RIP“. Neil Lennon, Ruhe in Frieden.

Unmittelbar nach dem folgenschweren Anruf bei der BBC distanzierten sich die loyalistischen Paramilitärs der LVF von der Morddrohung. Sie sagten, der Anruf sei offenkundig ein schlechter Scherz, sie hätten niemals Drohungen gegen den Spieler der Celtics geäußert. Doch Neil Lennons Entschluss steht fest. „Ich habe lange nachgedacht, und ich habe mich entschieden, dass ich wahrscheinlich nicht mehr zurückkehre, um für Nordirland zu spielen“, sagte er der „Irish Times“. „Ich muss nicht nur an meine Eltern und meine Familie, ich muss an die ganze Mannschaft denken.“ Er wolle den Konflikt von seinen Kollegen im Nationalteam fernhalten. Sein Rücktritt löste in ganz Nordirland Bedauern aus. Die Ministerin für Innere Sicherheit, Jane Kennedy, sagte unmittelbar nach dem Vorfall: „Eine Handvoll sektiererischer und bigotter Fanatiker hat Schande über Nordirland gebracht.“

Dabei schien der Konflikt der Religionen, der in Wahrheit ein politischer und kulturhistorischer Streit ist, seit dem Karfreitagsabkommen von 1998 in eine entspannte Phase zu treten. Der Vertrag, den auch die katholische Untergrundorganisation IRA unterzeichnete, verpflichtet alle Parteien zur Gewaltlosigkeit. Doch in jüngster Zeit wird der Frieden erschüttert. Die „Real IRA“ bekannte sich just in der Woche, in der Lennon bedroht wurde, zum ersten tödlichen Anschlag seit 1998. In Belfast halten seit Wochen gewalttätige Ausschreitungen Polizei und Armee in Atem. Die Morddrohung an Neil Lennon ist nur ein weiteres Indiz für die Rückkehr der Spannungen.

Dabei hat der nordirische Fußballverband (IFA) einiges versucht, um den Konflikt vom Fußballfeld fernzuhalten. Bei Länderspielen hängen Plakate, auf denen steht: „Gebt den Sektierern den Stiefel!“ Ein anderer Slogan des Verbandes lautet: „Football 1 Sectarianism 0“. Vor knapp zwei Wochen fiel der Ausgleich. Es freute niemanden.

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