Sport : Wenn Eisbären abheben

Die Berliner überzeugen in der Finalserie gegen Köln durch Willensstärke und können schon heute Deutscher Meister werden

Claus Vetter

Berlin - Steve Walker hob ab. Mit einem mächtigen Satz wuchtete sich der Kanadier gegen die Plexiglasscheibe im Sportforum. Ein Sprung der Erleichterung und ein Sprung der Freude – gefeiert wurde Walker bei seinem Kurzflug von 5000 Zuschauern. Davor lagen Momente, die Eishockey so interessant machen können. Führung, Ausgleich, Führung – alles in zwei Minuten. In zwei verrückten Spielminuten, in denen vielleicht schon die Vorentscheidung in der deutschen Eishockeymeisterschaft gefallen ist. Dank Steve Walker, der mit seinem Tor 31 Sekunden vor Schluss am Freitag das dritte Finalspiel zugunsten der Eisbären entschied. Nach ihrem 4:3-Sieg gegen die Kölner Haie führen sie in der Best-of-five-Serie 2:1. Gewinnen sie heute Nachmittag (14.30 Uhr, live auf Premiere) in der Kölnarena, dann können sie ihren dritten Meistertitel feiern.

Verdient hätten sich die Berliner das. Nicht, weil sie besser spielen würden als die Kölner. Vom sportlichen Niveau her besteht kein großer Unterschied zwischen beiden Finalgegnern. Wenn überhaupt, dann wirkten die Haie im zweiten und dritten Spiel sogar ein wenig ausgereifter und eleganter in ihren Spielzügen. Aber es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen beiden Mannschaften: Die Eisbären scheinen den Erfolg einfach ein Stück mehr zu wollen als die Kölner, die mitunter in entscheidenen Momenten der Finalserie so wirken, als würden sie sich notfalls auch mit Platz zwei zufrieden geben.

Reichlich überflüssig haben die Haie am Freitag im Sportforum ihre Souveränität verspielt. Bis zur turbulenten Schlussphase führten sie Regie in der Partie, nach dem 2:2-Ausgleich schien der Kölner Führungstreffer nur noch eine Frage der Zeit. Selbst nach dem Fastsiegtor von Sven Felski kamen die Haie 51 Sekunden vor Schluss zum Ausgleich – doch dann traf Steve Walker, was Kölns Trainer Doug Mason nicht verstehen wollte. „Nach einem Bully dürfen wir in der letzten Minute kein Tor kassieren, das habe ich den Spielern seit Monaten gepredigt“, sagte Mason. „Das ist eine Standardsituation, die wir 1000 Mal im Training einstudiert haben, da müssen wir cleverer sein.“

Das Tor war aber wohl vor allem eine Frage des Berliner Willens. Eine Verlängerung wäre bei den erschöpften Eisbären vermutlich gesundheitsgefährdend an die Substanz gegangen. „Wir wollten den Sieg und haben bis zum Schluss an uns geglaubt“, sagte ihr Stürmer André Rankel. Der Erfolg war nicht selbstverständlich, angesichts der vielen personellen Ausfälle bei den Berlinern, die beim dramatischen Spiel am Freitag mit einer Mannschaft auf dem Eis standen, in der nur noch fünf Ausländer spielten – und das in der Deutschen Eishockey-Liga, in der an sich elf Ausländer pro Team spielen dürfen.

Heute beim Spiel in Köln können die Eisbären allerdings wieder auf Nathan Robinsons elegante Vorlagen und interessante Spielideen hoffen. Der Kanadier hat seine Sperre im Spiel am Freitag abgesessen. Und dann haben die Berliner am Sonntag in Köln den psychologischen Vorteil, dass ihr Gegner mit dem vielleicht belastenden Wissen antritt, dass das Spiel schon sein letztes Saisonspiel sein kann.

Für die Haie spricht allerdings die gigantische Kulisse in der Kölnarena. 18 700 Zuschauer werden dort heute erwartet, es wäre der Europarekord für ein Eishockeyspiel in der Halle. Kölns Trainer hat den Eisbären schon mal versprochen, dass die Finalserie heute nicht beendet wird, sondern noch um ein fünftes Spiel bereichert wird. „Wir kommen am Dienstag wieder“, sagt Doug Mason. „Dann können wir alle noch mal richtig vom Wellblechpalast Abschied nehmen.“

Auf ein Endspiel am Dienstag würden die Berliner natürlich gerne verzichten, sagt ihr Trainer Don Jackson. Vor allem, weil sie zu viele gesundheitlich angeschlagene Spieler haben. „Für uns ist das Spiel, das wir nicht spielen müssen, das beste“, sagt Jackson. Auch sein Verteidiger Deron Quint sieht es so. Er sagt: „Wir haben zwei Spieler im Team, die im Normalfall gar nicht spielen würden.“ Stürmer Denis Pederson ist der eine, Steve Walker ist der andere. Doch trotz angerissenem Kreuzband ist der Berliner Mannschaftskapitän in der Finalserie noch für große Sprünge gut – wie seine Mannschaft, deren Siegeswillen ihre große Stärke ist.

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