Sport : Wenn es nicht weh tun soll

Tennisprofi Nicolas Kiefer spielt mit Schmerzen erfolgreich bei den Australian Open. Wie geht das?

Jeannette Krauth

Berlin - „Es war ein Fight – brutal“, schreibt Nicolas Kiefer nach seinem Sieg im Viertelfinale der Australian Open über Sebastien Grosjean auf seiner Homepage. Sein Handicap erwähnt er nur am Rande: „Meine Probleme mit dem Fuß habe ich jetzt ausgeschaltet.“ Das hat er offenbar leicht geschafft, obwohl Kiefer doch seit 14 Tagen mit einer Bänderüberdehnung spielt. Sein Knöchel ist so stark geschwollen, dass er links einen größeren Schuh trägt. Er nimmt Schmerzmittel und schafft es so, heute im Halbfinale gegen Roger Federer anzutreten (9 Uhr 30, live in der ARD und bei Eurosport).

Schmerz gehört zum Sport. Oft wird er in der Gesellschaft aber ausgeblendet. „Früher war der Schmerz als Gefühl eher akzeptiert, weil er zum Überleben unentbehrlich war und eine Schutzfunktion besitzt“, erklärt Robert Margerie, einer der Fifa-WM-Ärzte. Er arbeitet am Zentrum für Sportmedizin in Berlin, wo er auch Hertha BSC und die Eisbären betreut. „Schmerz ist ein natürliches Gefühl“, sagt er, „Schmerzaushalten ist die Fähigkeit, nicht nachzugeben.“

Allgegenwärtig ist das Gefühl für Leistungssportler. Dem Mannschaftsarzt von Hertha, Ulrich Schleicher, passiert es beispielsweise höchst selten, „dass unser ganzes Team völlig unversehrt ist“. Peinvolle Kleinigkeiten, die sich mit Salbenverbänden, Kühlung und Physiotherapie behandeln ließen, seien Alltag. „Denn das Zusammenprallen, Tritte und Stürze gehören eben zum Spiel.“

Studien zeigten, dass 60 Prozent aller Marathonläufer Schmerzmittel während des Laufs einsetzen, sagt Margerie. Auch Schleicher kennt Fußballer, „die prophylaktisch vor dem Spiel Aspirin oder Voltaren nehmen, damit die Schmerzempfindlichkeit bei einem Tritt nicht so hoch ist“. Bei Hertha würde das aber keiner tun.

Es gibt im Sport eben noch die Kämpfer-Tradition, mit dem peinigenden Gefühlen umzugehen. „Beim Boxen gehört das Aushalten des Schmerzes sogar zum Talent, man spricht von Nehmerqualitäten“, sagt Margerie.Die hat wohl auch Nicolas Kiefer. „Er ist ein robuster Typ, zu dessen Charakter es gehört, dass er etwas einstecken kann“, sagt Davis-CupTeamchef Patrik Kühnen.

Zu Beginn der Australian Open sprach auch Kiefer vermehrt von seinem Handicap („Mein Fuß ist eine echte Bremse“, schrieb er am 19.1.). Doch je erfolgreicher er spielte, desto weniger kümmerte ihn der Fuß („Die ersten beiden Matches habe ich nicht gut gespielt, habe mich zu häufig auf meinen Fuß konzentriert, mich ablenken lassen“, sagte er am 24.1. zur „Welt“). Wie hat Kiefer diese mentale Kehrtwende bewältigt?

Bernd Kabelka, offizieller Arzt des Deutschen Tennisbundes für das Turnier am Hamburger Rothenbaum, vermutet „durch Endorphin-Ausschüttung positives, körpereigenes Doping“. Der Erfolg von Runde zu Runde habe eine euphorisierende Wirkung. Gemeinsam mit abschwellenden Behandlungen wie Massage und Schmerzmitteln scheine das Kiefers Erfolgsrezept zu sein. Gerade im Leistungssport sei es aber immer eine kritische Abwägung, so Kabelka, ob man riskiere, Körpersignale zu übergehen, oder ob so eine Verschlechterung eintritt. Im Fall Kiefer sei es „durchaus ein Risiko, dass er nochmal umknickt und das Gelenk selbst in Mitleidenschaft gezogen wird“, sagt Kabelka. Dieses Risiko geht Kiefer ein. Denn seinen Fans erklärte er: „Füße hochlegen kann ich später“.

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