Sport : Wenn Gott geht

Nach 15 Jahren Klammergriff gibt Michael Schumacher die Formel 1 wieder frei

Christian Hönicke

Michael Schumacher ist wieder Auszubildender – er lernt zu leben. „Das Tempo in der Formel 1 hat mit dem wahren Leben nichts zu tun“, sagt er. „Ich muss nun lernen, langsamer und geduldiger zu werden und einzusehen, dass Geschwindigkeit nicht alles ist.“ Während seines bisherigen Daseins haben den 37-Jährigen stets Zeitdruck und Geschwindigkeit begleitet, am 22. Oktober hat sich der Deutsche von diesen langjährigen Weggefährten verabschiedet. Den Rennfahrer Michael Schumacher gibt es nicht mehr.

Mehr als 15 Jahre lang fuhr Schumacher in der Formel 1 um Siege. Nie zuvor in der höchsten Klasse des Motorrennsports hat es eine Ära von ähnlicher Dimension gegeben. Deswegen verfestigte sich mit jedem weiteren Jahr die Ansicht, eine Formel 1 ohne Michael Schumacher sei gar nicht mehr denkbar. Seit dem 22. Oktober ist das Undenkbare wahr geworden. Auch wenn ihm der achte Weltmeistertitel und sogar ein Podestplatz aufgrund diverser technischer Probleme letztlich verwehrt blieben, fuhr der 37-Jährige mit einem kleinen Meisterstück von Rennen in den Ruhestand. Der vierte Platz in Sao Paulo beendete eine der erfolgreichsten, aber auch kontroversesten Sportlerkarrieren aller Zeiten.

Die sportlichen Errungenschaften Schumachers sind bestens dokumentiert in nahezu allen relevanten Statistiken, die seinen Namen an erster Stelle führen. Er sei der perfekte Fahrer, hat der dreifache Weltmeister Niki Lauda einmal gesagt, „der Größte aller Zeiten. Er fährt wie ein Gott.“ Als Beleg für diese nicht unpopuläre These sei hier lediglich eines von mindestens einem Dutzend herausragender Kunstwerke am Lenkrad erwähnt: Beim Großen Preis von Ungarn 1998 wurde Schumacher mitgeteilt, er habe bis zu seinem Boxenstopp in 18 Runden 20 Sekunden Vorsprung herauszufahren, um in Führung zu bleiben. Der Deutsche schluckte nur kurz – und schaffte das Unmögliche. Den Hintergrund für derartige Heldentaten bildete nach Ansicht fast aller Experten eine einmalige Symbiose aus fahrerischem Ausnahmetalent, bedingungslosem Ehrgeiz, ungewöhnlich großem Technikverständnis und einem laut dem verstorbenen früheren Fiat-Patriarchen Gianni Agnelli „unschlagbaren Teamwork“.

Natürlich hat der Gott der vier Reifen auch Fehler gemacht, sogar recht viele Fehler, und er ist der am häufigsten bestrafte Pilot in der Geschichte der Formel 1. „Schumacher ist kein Fahrer, er ist ein Kannibale“, befand die „Gazzetta dello Sport“. Mit seinem scheinbar unstillbaren Appetit auf Erfolg hatte Schumacher auf der einen Seite entscheidenden Anteil an der Reanimation von Ferrari. Mit dem ruhmreichen, aber über Dekaden dahinsiechenden Rennstall holte der Deutsche nach einer mühevollen Aufbauarbeit fünf seiner sieben Weltmeistertitel. Auf der anderen Seite bediente sich Schumacher im Kampf um die Futtertröge des Ruhmes zuweilen grenzwertiger bis grenzüberschreitender Werkzeuge.

Schumachers letzte Saison war in dieser Hinsicht eine Miniaturnachbildung seiner gesamten Karriere. Zwischen viele großartige Rennen mischte sich wieder ein unerklärliches Phänomen: Beim Rennen in Monte Carlo blockierte der Ferrari-Pilot mit einem Ausrutscher die Strecke und verhinderte somit die Qualifikations-Bestzeit seines Rivalen Fernando Alonso. Bis heute hält Schumacher an seiner Theorie eines Fahrfehlers fest, die in krassem Gegensatz zu den meisten Meinungen der Beobachter einschließlich der Rennkommissare steht. „Man weiß einfach, dass Michael auch nicht davor zurückschreckt, dir ins Auto zu fahren, wenn das der einzige Weg ist, dich zu stoppen – so wie mir 1994 in Adelaide“, sagt sein ehemaliger WM-Rivale Damon Hill.

Zu Jahresbeginn stellte Schumacher erstmals ein leichtes Sättigungsgefühl fest. Er habe einfach nicht mehr die Kraft aufbringen können, sich so zu schinden, wie es nötig wäre, um in der Formel 1 mitzuhalten, erklärte er später. „Ich habe mich dabei ertappt, mich zu fragen, wie ich das all die Jahre zuvor gemacht habe.“ Der Gedanke an Abschied kam auf und reifte immer weiter. Der Wunsch nach einem normalen Familienleben ließ ihn schließlich Gewissheit werden.

15 Jahre lang gab es kaum einen Menschen auf dieser Welt, über den so viel geschrieben worden ist und der dennoch so wenig von sich preisgegeben hat. Auf dem Weg durchs Fahrerlager hat Michael Schumacher alle Spaliere mit dem ihm eigenen Tunnelblick durchschritten. Die Überhöhung seiner eigenen Person war dem gelernten Mechaniker stets suspekt – bis zuletzt hat er die ihm zugewiesene Stellung als Idol der deutschen Automobilrepublik ebenso von sich gewiesen wie alle anderen übersteuerten Interpretationen seines Tuns. Auch den Weissagungen diverser Fachleute, die ein baldiges Comeback vorhersehen, begegnet Schumacher mit nüchterner Ingenieursanalyse: „Wenn du einmal da raus bist, bist du raus.“

Nun lernt er also die hohe Kunst der Langsamkeit – allerdings mit einer Ausnahme: Mit seinem Rücktritt verbindet der Weltstar auch die freilich wenig realistische Hoffnung auf ein baldiges Eintauchen in die Anonymität. „Ich hoffe, relativ schnell nicht mehr so bekannt zu sein“, sagt Michael Schumacher. „Je schneller, desto besser.“

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