Sport : Wenn nur noch Gewalt hilft

Bremen wird mit einem mühsamen 2:1 gegen Wolfsburg Herbstmeister

Steffen Hudemann[Bremen]

Beim Französischen Meister Olympique Lyon spielt ein Brasilianer namens Juninho Pernambuco. Er hat schon vor einiger Zeit den Beinamen „Mister 50 Prozent“ bekommen, weil er in der Regel einen von zwei Freistößen im Tor unterbringt. Und es ist dabei fast egal, wie weit der Ball vom Tor entfernt ist. Ein Spitzname, der so langsam auch für Werder Bremens Brasilianer Naldo in Betracht kommt. Vor einer Woche traf er gegen Frankfurt gleich dreimal – einmal davon per Freistoß, gestern sicherte er den Norddeutschen mit einem wuchtigen Freistoßtreffer aus 25 Metern in der 86. Minute den am Ende glücklichen 2:1 (1:1)-Heimsieg über den VfL Wolfsburg – und die Herbstmeisterschaft.

Knapp zwanzig Minuten vorher hatte Naldo es zum ersten Mal versucht. Und es erschien wie ein Wunder, dass sich Wolfsburgs Torwart Simon Jentzsch bei der Rettungstat nicht die Hand brach, so unglaublich hart war der Ball getreten. Vor einer Woche in Frankfurt hatte Naldo dreimal getroffen, gestern nun bescherte der lange Abwehrspieler den Bremern mit seinem sechsten Saisontor ein nicht mehr für möglich gehaltenes Happyend. Denn es hatte nicht danach ausgesehen, dass Werder mit spielerischen Mitteln noch etwas erreichen könnte. „Gerade wenn eine Mannschaft derart tief steht wie der VfL Wolfsburg, ist es wichtig, mit Freistößen zum Erfolg zu kommen“, sagte Bremens Sportdirektor Klaus Allofs nach dem Spiel.

Die Wolfsburger hätten ein Unentschieden verdient gehabt, wenn auch die Analyse von Klaus Augenthaler arg vermessen erschien. Der VfL-Trainer war der Meinung, er habe zwischen Werder und Wolfsburg „keinen Unterschied“ gesehen. Denn vor allem in der ersten Halbzeit hatte sich das Spiel ergeben, das man erwarten konnte, wenn der stärkste Sturm der Liga auf die stärkste Abwehr trifft. Wolfsburg igelte sich ein. Und Werder versuchte wie eine Handballmannschaft eine Lücke in der Deckung des Gegners zu finden. Allein Kapitän Torsten Frings kam auf die sensationelle Zahl von 117 Ballkontakten, Peter van der Heyden als auffälligster Wolfsburger gerade einmal auf 55. Es war also eine Frage der Zeit, bis das erste Tor fiel.

16 Minuten waren gespielt, als Miroslav Klose im Strafraum auftauchte und den Ball quer legte – zu Daniel Jensen. Dass dieser am Elfmeterpunkt mit dem Rücken zum Tor stand, war kein Hindernis. Der Däne traf einfach per Fallrückzieher. Es schien wieder einmal alles auf eine große Werder-Gala hinauszulaufen. Damit rechnete offenbar auch das Publikum. Noch nicht einmal eine halbe Stunde war gespielt, als die Fans begannen, VfL-Torwart Jentzsch des Zeitspiels zu bezichtigten – da führte Werder 1:0. Am Ende aber waren die Bremer froh, überhaupt gewonnen zu haben. „Der Elfmeter war der Knackpunkt“, sagte Frings später. Kevin Hofland hatte Werders Spielmacher Diego im Strafraum gefoult. Doch den Strafstoß setzte der Gefoulte an den Außenpfosten. Wolfsburg, das sich zuvor nur zaghaft nach vorne getraut hatte, schöpfte Hoffnung. Fünf Minuten vor Halbzeit nutzte Isaac Boakye die Unaufmerksamkeit der Bremer Abwehr nach einem Eckball zum Ausgleich.

Die zweite Hälfte verstrich fast ereignislos. Selbst Nationalstürmer Klose, der am Dienstag in Zürich als WM-Torjäger mit dem „Goldenen Ball“ ausgezeichnet wird, zielte ein paar Mal aus aussichtsreicher Position schlecht, rutschte weg oder verstolperte den Ball. „Wir waren am Ende müde“, gab Klose zu. Zum Abschluss dieser für Werder an spielerischen Höhepunkten so reichen Hinrunde sahen die 39 584 im Weserstadion eine Bremer Elf, die den Ball hoch in den Strafraum des Gegners drosch. „Eigentlich ist das nicht unser Spiel“, sagte Allofs fast entschuldigend. Und als selbst das aussichtslos schien, lief Naldo ein letztes Mal zum Freistoß an. Jetzt wissen es alle: Werder kann es nicht nur per Fallrückzieher, sondern auch mit Gewalt.

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