Sport : Wenn Opfer Täter sind

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Frank Bachner über das

kaputte Knie der SkiNation

Der deutsche Skirennfahrer Max Rauffer hatte eine ziemlich hohe Startnummer, als er vor wenigen Jahren die Streif in Kitzbühel, die spektakulärste und gefährlichste Abfahrtsstrecke der Welt, hinunterraste. Das Fernsehen hatte einen relativ späten Rennbeginn durchgesetzt, und als Rauffer endlich auf der Strecke war, begann es schon zu dämmern. Rauffer sah bei rasender Geschwindigkeit kaum noch die Wellen auf der Strecke. Bei dieser Fahrt, sagte er später, kam es ihm nur noch auf eins an: durchkommen, nur ins Ziel kommen, fast egal wie schnell.

Rauffer ist eines der vielen Opfer des Spektakels Ski-Weltcup. Leute wie Rauffer sind unauffällige Opfer. Sie fallen nur auf, solange nichts Schwerwiegendes passiert. Und wenn sie auffallen, dann genau so lange, dass Trauer und Betroffenheit als angemessen empfunden werden. Trauer ist nicht vorgesehen im medialen Hochleistungssport, im Profifußball genauso wenig wie im Skisport. Zu viele Gefühle stören das Geschäft.

Genauso wie im Fußball greift im Skizirkus ein komplexes Netzwerk, in dem Profit das Hauptziel und die Gesundheit eine vernachlässigenswerte Größe darstellen. Das Fernsehen will Quote, der Verband gute Ergebnisse, weil nur so das Fernsehen kommt, die Sponsoren wollen ihre Produkte mit zugkräftigen Namen präsentieren. Solche Sportler müssen fast auf Teufel komm raus starten. Fatalerweise haben diese Sportler nicht bloß Druck, sondern auch längst zu hoch gezüchtetes Material.

Der Fall Hilde Gerg ist deshalb nicht bloß die Sache einer Frau mit fatalem Tunnelblick. Das System verhindert, dass so eine Frau gestoppt wird. Der Verband, der sie fürs Rennen melden muss, könnte ihr den Start angesichts ihres lädierten Kreuzbands verweigern. Aber viel leichter ist der Hinweis auf das Selbstbestimmungsrecht einer erwachsenen Frau. Auch gezielte Vorschläge von Ärzten und anderen Fachleuten zur Verbesserung der Sicherheit, die Reduzierung der Taillierung von Ski und der Platten an den Bindungen etwa, setzt der Weltverband nicht konsequent um. Deshalb fahren Rennfahrer mit Ski, bei denen in Kurven das Vierfache der Erdbeschleunigung wirkt. Das Verletzungsrisiko erhöht sich dadurch extrem. Aber Leute wie Gerg und Rauffer sind natürlich auch Täter. Sie machen das Spiel ja mit. Den Ehrgeiz von Sportlern können nur Außenstehende zügeln, Trainer, Verbände, Ärzte, das ist eine alte Sache. Aber wenn die als Sicherungssysteme ausfallen, gibt es Fälle wie Hilde Gerg. Im neuen Jahr, sagt sie, will sie voll angreifen. Sie hat das nicht als Drohung gemeint. Aber es ist eine.

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