Sport : Wenn Quellen versiegen - dem Verein droht der Kollaps

Karsten Doneck

Alles war im Lot. Heinz Pietzsch ging die Entwicklung sogar ein bisschen zu rasant. "Also, mal ketzerisch gesagt, eigentlich müsste ich dieser Mannschaft - mit der ein oder anderen Verstärkung - noch ein zweites Jahr Zweite Liga gönnen", gestand der damalige Ehrenpräsident frohgelaunt. Und Kuno Konrad, der Vereinspräsident, träumte bereits von Fußball-Reisen nach Rom oder Madrid an Stelle von Tingeltouren in das Kölner Südstadion oder in die Fürther Playmobil-Arena. Bei Tennis Borussia herrschte im Herbst 1998 fröhlichste Aufbruchstimmung. Unter Trainer Hermann Gerland hatte die Mannschaft nach einer phantastischen Regionalliga-Saison ohne Niederlage den Aufstieg in die Zweite Liga geschafft und sich dort auf Anhieb in der Spitzengruppe etabliert. Rosige Aussichten also, zumal auch der Sponsor, die "Göttinger Gruppe", mit dem Scheckheft wedelte.

Nur eineinhalb Jahren später droht Tennis Borussia der Absturz. Verletzte Eitelkeiten, gravierende Fehlentscheidungen in der Personalpolitik und permanente Streitigkeiten haben den Verein an den Rand der Lächerlichkeit - und des Abstiegs! - getrieben. TeBe braucht am Freitag im letzten Saisonspiel beim gleichfalls noch gefährdeten Chemnitzer FC unbedingt einen Punkt, um sich aus eigener Kraft den Klassenerhalt zu sichern. Doch die Mannschaft präsentiert sich zurzeit derart hohl, dass ihr in Chemnitz nicht mal mehr das nötige Remis zugetraut werden kann.

Ein Abstieg für TeBe - und die Folgen. "Damit beschäftige ich mich nicht", sagt Trainer Winfried Schäfer, der für das sportliche Desaster die Verantwortung trägt, dies aber partout nicht wahrhaben will. Mehr Gedanken macht sich da schon Heinz Pietzsch, der seit der letzten Jahreshauptversammlung als Mitglied des Aufsichtsrats wieder aktiv hinter den Kulissen des Vereins mitmischt. Ist TeBe auf eine Zukunft in der Regionalliga denn überhaupt vorbereitet? "Sicher nicht", sagt Pietzsch. Die Spieler haben nur Verträge für die Zweite und Erste Bundesliga. TeBe würde bei einem Abstieg ohne Mannschaft dastehen. Oder? Pietzsch: "Für den Notfall haben wir ja aktuell eine Mannschaft in der Regionalliga, die durch den ein oder anderen Spieler verstärkt würde. Aber dann gleich wieder um die Spitze mitzuspielen, das wäre wohl nicht möglich." Es gibt Gerüchte, dass die angeblich in Schwierigkeiten steckende "Göttinger Gruppe" ihr finanzielles Engagement bei TeBe im Falle des Abstiegs erheblich einschränken oder gar einstellen würde. Derlei Pläne kann Heinz Pietzsch nicht bestätigen. Aber auch er weiß, dass für die Borussen die paradiesischen Zustände mit permanent sprudelnden Geldquellen in der Regionalliga vorerst vorbei wären.

Als Gedenktag daran, dass der Karren so vehement gegen den Baum gefahren wurde, kann TeBe fortan getrost den 23. März 1999 im Kalender vermerken. An diesem Tag wurde gegen den Widerstand von Präsident Konrad und Manager Jan Schindelmeiser als neuer Trainer Winfried Schäfer verpflichtet. Mit dem begann die Talfahrt. Unter ihm schaffte TeBe in 44 Punktspielen gerade mal 13 Siege, kassierte aber 17 Niederlagen. Dabei hatte Schäfer vor der Saison für über elf Millionen Mark so kostspielig wie kein anderer Zweitliga-Trainer eingekauft.

Schäfer litt unter der immer wiederkehrenden und völlig berechtigten Kritik, die Konrad, Manager Jan Schindelmeiser und verschiedene Spieler an seiner Arbeit übten. Dass Erwin Zacharias im Januar extra zum Schutze des von ihm verpflichteten Schäfer bei TeBe vom Aufsichtsratvorsitzenden zum Vorstandsvorsitzenden aufstieg, macht ihn mitschuldig am Niedergang der Borussen.

Noch besteht für TeBe die Chance auf den Klassenerhalt. Aber selbst wenn das Vorhaben noch gelingen sollte, müsste Schäfer, sofern er ein bisschen Gespür für allgemeine Stimmungen hat, noch einmal jenes Transparent vor seinem Auge vorbeiziehen lassen, das beim 1:3 gegen den 1. FC Nürnberg am Zaun des Mommsenstadions hing. Darauf stand: "Schäfer geh - freiwillig!"

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