Sport : Wenn sich Geschichte wiederholt

Der VfB Stuttgart triumphierte 1992 mit zehn Mann am letzten Spieltag – die Erinnerung daran macht Mut

Oliver Trust[Stuttgart]

Damals waren die Haare lang, länger als heute. Kein Friseur in Walddorfhäslach oder Wolfschlugen würde den Guido und den Fritz 2007 noch so aus seinem Laden lassen. „Vokuhila“ hieß der Renner der Frisiersalons. Was so viel wie „vorne kurz, hinten lang“ bedeutet. Es war überhaupt eine andere Zeit, als die Schwaben Deutscher Meister wurden und keiner damit gerechnet hatte. 1992. Aus dem Windschatten heraus. Fast wie heute? Guido Buchwald und Fritz Walter wohnen in der Nähe Stuttgarts und sagen übereinstimmend: „Jetzt ist es wie damals. Die Mannschaft hat eine tolle Saison gespielt und jetzt kommt die Überraschung.“

Guido Buchwald schoss damals das entscheidende Tor beim 2:1 in Leverkusen, und Fritz Walter, der Torschützenkönig der Saison mit 22 Toren, saß später auf einer Kanone und hielt einen Ball in die Kamera. Er, der Stuttgarter Fritz Walter, der nach dem berühmten Pfälzer Weltmeister benannt wurde.

„Schon nach dem 1:1 davor gegen Wattenscheid hab ich gedacht, das könnte noch reichen. Wir waren sehr angespannt, aber wir haben dann gesagt, locker Jungs, es kommt, was kommt, wir müssen nur gewinnen“, erzählt Fritz Walter. Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund hatten bessere Chancen. „Mit uns hat keiner gerechnet.“

Es war der letzte Spieltag. Frankfurt, Stuttgart und Dortmund hatten 50 Punkte. Nur die Torbilanz trennte sie. Es war die erste „gesamtdeutsche Meisterschaft“. „Dass wir die gewonnen haben, macht mich doppelt stolz“, sagt Walter. Sie lagen zurück. 0:1. Walter machte das 1:1 per Elfmeter. Zu dem Zeitpunkt saß Matthias Sammer, später Cheftrainer in Dortmund und Stuttgart und heute Sportdirektor beim DFB, mutterseelenallein in der Kabine und heulte. Er hatte Rot gesehen.

Es musste nun zu zehnt gehen, die Meisterschaft war so gut wie weg. „Frankfurt musste in Rostock spielen, die waren schon abgestiegen“, erinnert sich Walter. Dortmund trat in Duisburg an. Später holten sie Sammer zurück. Nach dieser 86. Minute. Ludwig Kögl schlug eine Flanke in den Strafraum. „Ich seh den Ball kommen. Es ist wie in Zeitlupe. Es hat ewig gedauert. Ich hab richtig gezittert und nur gedacht, Mensch, der kommt so gut, den musst du reinmachen, unbedingt. Das werde ich nie vergessen“, erzählt Buchwald. Er machte ihn rein. Sammer, der nach eigener Erinnerung zuvor geheult hatte „wie ein kleiner Junge, dem man den Teddybären weggenommen hat“, weinte nicht mehr. Die Stuttgarter lagen sich in den Armen. Der Absteiger Rostock führte gegen Frankfurt und Dortmund (1:0 in Führung in Duisburg) konnte den VfB nicht mehr einholen, weil seine Tordifferenz viel besser war. „Es war ein Wahnsinn, wie sich die Jungs ins Zeug gelegt haben nach dem 1:1“, sagt Buchwald. „Es war warm, wir nur zehn Mann, Günter Schäfer hat den Ball mit einem Fallrückzieher von der Linie geholt.“

Auf der letzten Präsidiumssitzung hatte Trainer Christoph Daum ein Szenario an die Wand gemalt, das alle für unglaublich hielten. „Frankfurt verliert in Rostock – 1:2 und wir gewinnen in Leverkusen. Dann sind wir Meister.“ In die Kabine hängte er ein Poster mit folgender martialischer Aufschrift: „15:30 Uhr – Krieg in Leverkusen.“

Davon kann man halten, was man will, „der Trainer hat uns heiß gemacht“ (Fritz Walter). „Wir hatten wie der VfB heute das Gefühl, wir haben eine super Saison gespielt. Es hat geholfen, dass wir wussten, wir schaffen es nicht aus eigener Kraft. Das hat für eine gewisse Lockerheit gesorgt, obwohl natürlich keiner mehr locker war, als wir ins Stadion gefahren sind“, sagt Buchwald. Der Abend vor dem entscheidenden Spieltag verlief ungewöhnlich. „Manager Dieter Hoeneß kam und hat noch mal die Prämie erhöht, um uns noch mehr zu motivieren. Wir haben selten so unmittelbar vor den Spielen eine Besprechung, aber damals schon.“ Es funktionierte.

Fritz Walter glaubt, dass der VfB es auch diesmal wieder packen kann. „Es ist das Gefühl der Unbekümmertheit. Die anderen haben es in der Hand, und wir werden es schaffen“, sagt er.

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