Sport : Wenn Spiele zu Schlachten werden

Prügeleien wie nach dem Viertelfinale zwischen Deutschland und Argentinien haben im Fußball durchaus Tradition

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Berlin - Die Tumulte nach dem Viertelfinale zwischen Deutschland und Argentinien haben historische Vorbilder. Vor allem zwischen südamerikanischen und europäischen Mannschaften ging es oft hoch her. Eine Auswahl von Fußballschlachten und ihre Folgen.

WM 1954, Viertelfinale, Ungarn – Brasilien:

Als „Schlacht von Bern“ geht der 4:2-Sieg der Ungarn in die WM-Geschichte ein. Schon während des Spiels muss die Schweizer Polizei eingreifen, um die Gemüter zu besänftigen. Nachdem Ungarn durch einen umstrittenen Foulelfmeter das 3:1 erzielt, eskaliert die Begegnung. Brasiliens Didi wird nach einem Tritt gegen Nandor Hidegkuti vom Platz gestellt, wenig später fliegen zwischen Nilton Santos und Jozsef Bozsik die Fäuste. Doch nach dem Abpfiff geht es erst richtig los. Brasiliens Maurinho verpasst Zoltan Czibor einen Faustschlag ins Gesicht, im Spielertunnel wirft der brasilianische Trainer mit einem Schuh nach seinem ungarischen Kollegen, und Ungarns Spielmacher Ferenc Puskas, der im Spiel verletzt gefehlt hat, schlägt mit einer Flasche auf Brasiliens Pinheiro ein. Dessen Platzwunde muss mit vier Stichen genäht werden. Konsequenzen haben die Vorfälle nicht. Die Fifa spricht gegen keinen der Beteiligten Sperren aus. Auch Bozsik und Puskas dürfen eine Woche später im Finale gegen Deutschland auflaufen.

WM 1966, Viertelfinale, Deutschland – Uruguay:

Auch im Viertelfinale der WM 1966 zwischen Deutschland und Uruguay (4:0) ist es eine Elfmetersituation, die zum Eklat führt. Helmut Haller wehrt den Ball beim Stand von 0:0 auf der Torlinie mit der Hand ab, was Schiedsrichter Finney übersieht. Als wenig später die Deutschen in Führung gehen, rasten die Südamerikaner aus. Horacio Troche stößt Lothar Emmerich das Knie in die Magengrube. Er wird des Platzes verwiesen, auf dem Weg in die Kabine verpasst er Uwe Seeler noch eine kräftige Ohrfeige. Wenig später fliegt auch Horacio Silva vom Platz. Nur weil die Polizei eingreift und den Schiedsrichter vor den wütenden Uruguayern schützt, kann das Spiel regulär zu Ende gebracht werden.

Weltpokalendspiele 1967 bis 1969:

Auch die Entscheidungsspiele zwischen den besten Klubmannschaften Europas und Südamerikas liefen mitunter nicht reibungslos ab. In den Jahren 1967 bis 1969 eskalieren die Begegnungen sogar. Bereits beim Endspiel 1967 zwischen Racing Buenos Aires und Celtic Glasgow kommt es zu sechs Platzverweisen. Das Spiel steht kurz vor dem Abbruch. Ein Jahr später kommt es im Spiel Manchester United gegen Estudiantes erneut zu Tumulten, nachdem Bobby Charlton bei einem brutalen Foul das Bein bis zum Knochen aufgeschlitzt wird. 1969 ist erneut Estudiantes beteiligt. Erst bricht der Argentinier Suarez seinem Gegner Combin vom AC Mailand das Nasenbein, später prügeln seine Kollegen Manera und Torwart Poletti auf die italienischen Spieler und sogar die Ärzte ein, die sie behandeln wollen. Poletti wird vom argentinischen Verband auf Lebenszeit gesperrt, Suarez für 30, Manera für 20 Spiele. Ab 1973 weigern sich die Europäer wegen der zahlreichen Ausschreitungen, in Südamerika anzutreten. Seit 1980 wird der Weltpokal deshalb in Tokio ausgetragen.

Jugoslawische Meisterschaft 1990: Roter Stern Belgrad – Dinamo Zagreb:

Manchmal sind Fußballspiele sogar Indikatoren für kommende Kriege. 1969 kommt es nach Ausschreitungen beim 3:2-Sieg El Salvadors gegen Honduras zum „Fußballkrieg“ zwischen beiden Staaten. Und auch die Ereignisse 1990 in Zagreb lassen bereits erahnen, was sich später zum Jugoslawien-Krieg ausweiten wird. Beim Ligaspiel zwischen den Mannschaften aus Serbien und Kroatien kommt es im Mai 1990 zu schweren Ausschreitungen. Nachdem die Fans beider Lager das Spielfeld gestürmt haben, muss die Begegnung abgebrochen werden. Als Dinamo-Kapitän Zvonimir Boban sieht, wie ein Polizist einen kroatischen Fan mit dem Knüppel traktiert, springt er dem Polizisten mit gestrecktem Bein in den Bauch. Er wird daraufhin von der WM 1990 in Italien ausgeschlossen.

WM-Qualifikation 2006: Türkei – Schweiz:

Ans Jubeln denken die Schweizer nicht. Zwar reicht das 2:4 in Istanbul dank des 2:0-Siegs im Hinspiel, um statt der Türkei zur WM nach Deutschland zu fahren, doch die Schweizer haben nur ihre eigene Sicherheit im Kopf. Kaum hat der Schiedsrichter abgepfiffen, sprinten sie aus Angst vor den Zuschauern in den Kabinengang. Sicher sind sie dort nicht. Türkische Spieler und Betreuer schlagen im Tunnel auf die Schweizer ein, Benjamin Huggel revanchiert sich mit einem Tritt in die Kniekehle eines türkischen Betreuers. Die Fifa greift durch. Die Türkei muss die nächsten sechs Heimspiele 500 Kilometer von der Türkei entfernt vor leeren Rängen austragen. Die Spieler Alpay Özalan und Emre Bezoglu werden für sechs, Serkan Balci für zwei Spiele und der Kotrainer Mehmet Özdilek für zwölf Monate gesperrt. Auch Huggel wird für sechs Pflichtspiele gesperrt – später wird das Strafmaß für Huggel und Emre auf vier Spiele, die Platzsperre für die Türkei auf drei Spiele reduziert.

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