Sport : Wenn Städte Rouge auflegen

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Benedikt Voigt über die Regeln

der Sportpolitik

Einhundertundzwanzig Whiskeysorten offeriert die „People’s Bar“ im Park Hilton zu München. Dieses Detail, das wir den Rechercheuren der „Bild“Zeitung verdanken, sollte man kennen, wenn man die heutige Entscheidung über den deutschen Olympiabewerber verstehen will. Eine Spielregel der Sportpolitik lautet nämlich: Eine Wahl wird am Vorabend an der Hotelbar entschieden. Unsichere Kandidaten werden dort mit Argumenten angefüttert, mit Whiskey gestillt, und, wenn es sein muss, mit Briefumschlägen gesättigt, die unter der Hoteltür durchgeschoben werden. Am Tag darauf wird dann die entscheidende Halbzeit angepfiffen.

In Wirklichkeit ist Sportpolitik eine Kreuzung aus Fußball und Rhythmischer Sportgymnastik. Also ganz großer Sport. Das sportpolitische Spiel beginnt schon mit der Aufstellung, die gegnerischen Kandidaten scharen Argumente um sich wie ein Fußballtrainer seine Spieler. Danach beginnt die erste Halbzeit, in der selbst Sportfunktionäre im Rentenalter vor der Grätsche nicht zurückschrecken. Im aktuellen Fall entwickelte sich der Zweikampf Feldhoff (65) gegen Voscherau (61) zum spektakulärsten Laufduell. Die heutige zweite Halbzeit folgt dann den Regeln der Rhythmischen Sportgymnastik. Vor einer Jury müssen die Kandidaten gegeneinander antreten. Die Städte haben Rouge aufgelegt und jonglieren in kleinen Filmen die eigenen Argumente wie Gymnastikbälle. Nach der Kür strebt das Spiel seinem unbestrittenen Höhepunkt zu, wenn die Schiedsrichter Klaus Steinbach und Gerhard Schröder das Ergebnis verkünden. Wie kleine Turnmädchen werden die Sieger auf und ab hüpfen, die Verlierer werden weinen.

Kaum aber ist das Spiel beendet, beginnt schon wieder das nächste: Play-offs für den Sieger. Noch so eine Regel des Sports.

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