Sport : Wenn Systeme kollidieren

Das Spiel Bremen – Hertha ist ein Duell der Ideologien: totale Positionstreue gegen höchste Flexibilität

Stefan Hermanns

Berlin - Der SV Werder Bremen hat inzwischen einen Status erreicht, dass ihm offensichtlich alles zugetraut wird. Als die Mannschaft in der vergangenen Woche beim Champions-League-Spiel gegen den FC Chelsea vor dem Anpfiff Aufstellung bezog, sah es so aus, als würde der Däne Daniel Jensen den gesperrten Frank Baumann auf der Position des defensiven Mittelfeldspielers ersetzen. Das Fernsehen vermeldete umgehend diese überraschende Wendung, obwohl angesichts Jensens eher offensiver Ausrichtung eigentlich Zweifel an dieser Variante angebracht gewesen wären. Am Ende spielte weder der Däne noch, wie allgemein erwartet, Torsten Frings als Sechser – sondern Tim Borowski. Was er denn gedacht habe, als ihm dieser Auftrag erteilt wurde, wurde der Nationalspieler nach dem Spiel gefragt. „Ja“, sagte Borowski. „Nichts.“

Wenn Werder Bremen heute Hertha BSC empfängt, treffen zwei gegensätzliche Denkschulen aufeinander: totale Systemtreue bei den Bremern gegen größtmögliche taktische Flexibilität bei den Berlinern. Die Raute im Mittelfeld ist schon seit Jahren das Markenzeichen von Werders Trainer Thomas Schaaf – egal, ob es gegen Bochum geht oder gegen Barcelona. Herthas Trainer Falko Götz verfolgt eine andere Richtung. „Ich bin ein Verfechter davon, dass die Spieler auf ihren Lieblingspositionen spielen und dass sich daraus das System ergibt“, sagt er. „Es ist nicht wichtig, welches System wir spielen; es ist wichtig, dass die Spieler wissen, welche Aufgabe sie im System haben.“

Auch Schaaf hat sich mit Werder in verschiedenen Trainingslagern schon an anderen Systemen versucht. Doch die Raute hat nicht nur all diese Experimente überlebt, sondern auch sämtliche personellen Veränderungen in Werders Kader. Aus der Urbesetzung des Mittelfelds – Frank Baumann zentral defensiv, Johan Micoud zentral offensiv, Fabian Ernst halblinks und Kristian Lisztes halbrechts – ist nur Baumann übrig geblieben. Es ist ein Ausdruck hoher taktischer Reife der Bremer, dass das Funktionieren des Systems von den handelnden Personen inzwischen weitgehend abgekoppelt ist. „Torsten Frings und ich haben schon häufiger bewiesen, dass wir halblinks, defensiv und halbrechts spielen können“, sagt Tim Borowski. „Es würde sogar zentral offensiv funktionieren.“ Werder ist flexibel – innerhalb des bestehenden Systems.

Große Mannschaften der Fußballgeschichte werden oft mit festen Systemen verbunden: Inter Mailand stand in den Sechzigerjahren für den Catenaccio, der immer noch als rein zerstörerisches System gilt, obwohl er den offensiv denkenden Außenverteidiger hervorgebracht hat. Ajax Amsterdam pflegt bis heute das Spiel mit zwei Außenstürmern, mit dem der Verein zwischen 1971 und 1973 dreimal den Europapokal gewann. Die holländische Nationalelf begeisterte bei der WM 1974 mit totalem Fußball, weil die Verteidiger auch stürmten und die Stürmer auch verteidigten. Und der HSV war Anfang der Achtziger die führende Mannschaft in der Bundesliga, weil Trainer Ernst Happel Pressing und Raumdeckung in den deutschen Fußball einführte. Trainer, die einem festen System vertrauen, gelten eher als fortschrittlich, Trainer mit einer flexiblen Handhabe als – im Wortsinne – reaktionär. Sie reagieren nur: auf die Möglichkeiten des eigenen Kaders und auf Stärken und Schwächen des Gegners.

Falko Götz hat einmal gesagt, er orientiere sich an seinem früheren Trainer Christoph Daum: „Er hat immer geguckt, welches Spielermaterial er hat und daran sein System und seine Taktik ausgerichtet. Das war das Überragende an seiner Arbeit.“ So wenig Ideologie macht verdächtig: Von einer Boulevardzeitung ist Götz als „Würfler der Systeme“ bezeichnet worden. Doch nach dem Zufallsprinzip fällt er seine Entscheidungen nicht. Das System „ist immer daran ausgerichtet, gegen wen wir spielen“, sagt Götz. „Das Gute ist, dass die Mannschaft so flexibel ist.“

In dieser Saison hat Herthas Trainer mit vier verschiedenen Systemen spielen lassen. Das 4-4-2 mit Raute im Mittelfeld und zwei Stürmern (wie Bremen) nennt Götz „unser Grundsystem in Heimspielen“, das auch für Auftritte in der Fremde taugt, „wenn wir das Spiel machen müssen“. Als Yildiray Bastürk zu Beginn der Saison verletzt fehlte, versuchte Götz den Ausfall seines Spielmachers dadurch zu kompensieren, dass er die vier Mittelfeldspieler trapezförmig anordnete, mit zwei Defensiven vor der Abwehr und zwei Offensiven auf den Außenpositionen. Im Heimspiel gegen Stuttgart probierte er es mit einer Dreierkette in der Abwehr und fünf Mittelfeldspielern davor, der Sieg in Dortmund gelang mit einem 4-5-1-System.

Diese defensive Variante bietet sich auch heute für das Spiel in Bremen an. Hertha könnte versuchen, mit einem Mann mehr Werders verwirrendes Kombinationsspiel im Mittelfeld lahmzulegen. „Wir haben nicht vor, die Bremer sich entfalten zu lassen“, sagt Falko Götz. Einen Vorteil hat er: Götz weiß, wie Werder spielen wird. Thomas Schaaf kann es von Hertha nur ahnen.

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