Sport : Wer die Bayern verfolgt ... ... wird häufig am Ende doch nur wieder Zweiter

Moritz Küpper[München]

Es sind einzelne Szenen, in denen sich zuweilen eine ganze Saison verdichtet. Bruchteile von Sekunden, die symbolisch für ein Fußballjahr stehen und an denen letztlich die Entscheidung in der Meisterschaft festgemacht wird. So wie 1986, als der Bremer Michael Kutzop am vorletzten Spieltag gegen die Bayern in der 89. Minute einen Handelfmeter an den Pfosten setzte. Bei einem Sieg wäre Werder Meister gewesen – das Spiel endete 0:0. Oder 2000, als Michael Ballack im Trikot von Bayer Leverkusen mit gestrecktem Bein in eine Flanke sprang, den Ball ins eigene Tor abfälschte und Leverkusens 0:2-Niederlage in Unterhaching einleitete. Auch der Freistoß von Patrick Andersson ein Jahr später, der den Bayern am letzten Spieltag ein Unentschieden in Hamburg beschert, gehört dazu. Kutzops Elfmeter, Ballacks Eigentor, Anderssons Freistoß – Szenen, die Bayern zum Meister machten und Bremen, Leverkusen und Schalke den zweiten Rang zuwiesen.

Seit knapp vier Jahrzehnten dominieren die Münchner die Bundesliga – und wehren sich erfolgreich gegen die Versuche der Konkurrenz. „Das ist in Worten nur schwer auszudrücken“, sagt Hans Pflügler, „diese Mentalität wurde den neuen und jungen Spielern durch die älteren vorgelebt und so weitergegeben.“ Der knorrige Verteidiger lernte in jungen Jahren und prägte selbst als Routinier. Fünfmal wurde er mit den Bayern Deutscher Meister, stand bei Kutzops Elfmeter auf dem Platz. Heute leitet er den Bayern-Fanshop an der Säbener Straße. Dort, im Geschäftsstellentrakt, steht die prallste Vitrine des deutschen Fußballs: DFB-Pokal, Ligapokal, Supercup, Weltpokal, Europapokale der Landesmeister und Pokalsieger, der Uefa-Cup sowie die Trophäe der Champions League. Und die Meisterschale. 19-mal gewann der Rekordmeister die Bundesliga. Seitdem die Bayern 1969 zum ersten Mal ganz oben standen, gibt es kein Jahrzehnt, in dem sie nicht mindestens drei Meisterschalen holen konnten. „Entscheidend ist, dass man dieses Fieber hat“, sagt Pflügler, „dieses ständige Gewinnenwollen und auch -müssen.“ Zwar habe es diese Mentalität auch bei anderen Klubs gegeben, „aber immer nur für eine Generation“.

In den siebziger Jahren lieferten sich die Bayern einen Zweikampf mit Borussia Mönchengladbach. „Aber die mussten dann die besten Spieler ziehen lassen“, sagt Pflügler. In den achtziger Jahren kam die Konkurrenz vor allem aus dem Norden, mit dem Hamburger SV und Werder Bremen. Im nächsten Jahrzehnt war der Westen dran: anfangs Köln, dann Dortmund und Leverkusen. „Aber das waren immer nur vereinzelte Versuche“, sagt Pflügler, „bei uns hat sich das über die Jahre entwickelt.“ Das könne man auch daran sehen, dass viele Spieler, die zum FC Bayern kommen, mit dem Druck nicht fertig werden. „Die Auswärtsspiele sind für die anderen Mannschaften immer das Spiel der Saison“, sagt er, „da muss man dann gewinnen, zu Hause ist sowieso Pflicht.“

Seit der Jahrtausendwende sind es vor allem Schalke und wieder Bremen, die dauerhaft in die bayerische Phalanx einbrechen wollen. Auch in dieser Saison: Der riesige Vorsprung der Bayern ist kleiner geworden. Sollte Schalke heute in München gewinnen, könnte es an der Spitze noch einen Vierkampf mit dem HSV und Bremen geben. „Die Dichte vorne wird größer“, stellt auch Pflügler fest. Dennoch: „In der entscheidenden Phase können wir noch zulegen“, sagt er. „Im März entscheidet sich die Saison, da muss man dem Druck standhalten.“

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