Sport : Wer die Geister ruft

Herthas Führung sprach vom besten Kader aller Zeiten – droht das Scheitern an den eigenen Ansprüchen?

André Görke[Klaus Rocca],Michael Rose

Von André Görke, Klaus Rocca

und Michael Rosentritt

Berlin. Spät am Samstagabend, da brachte es Arne Friedrich auf den Punkt. Der Nationalspieler von Hertha BSC war nach dem 0:0 in Frankfurt nach Köln zur Geburtstagsparty der Bundesliga gereist. Eigentlich wollte Friedrich ein wenig feiern, aber dann sagte er: „Wir müssen jetzt realistisch sein. Irgendwann müssen wir ein Tor schießen und ein Spiel gewinnen.“ Dann sprach Friedrich plötzlich von Spielern von Bayer Leverkusen, „das sind auch Profis, und die hatten im letzten Jahr schwer damit zu kämpfen, nicht abzusteigen“.

Hertha steckt in ernsthaften Schwierigkeiten. Vier Spiele, drei Punkte, null Tore. „Wir sind vom Kurs entfernt“, sagt Manager Dieter Hoeneß jetzt. Das Wort Krise aber nimmt keiner in den Mund. Ein sicheres Indiz dafür, dass sie da ist? Dabei klangen die Spielansetzungen gut. Hertha spielte zuletzt gegen zwei Aufsteiger. Dass sie bisher nicht ein Mal ins Tor traf, ist Manager und Trainer nun wirklich nicht anzulasten. Sie können die Bälle nicht versenken.

Nein, der sportlichen Führung sind andere Fragen zu stellen. War es nicht nur mutig, sonder vor allem riskant, wenn nicht gar fahrlässig, vor Saisonbeginn vollmundig vom besten Kader aller Zeiten zu sprechen? „Mit Fredi Bobic, Artur Wichniarek und Niko Kovac stehen Huub Stevens jetzt drei Profis zur Verfügung, die genau in das Anforderungsprofil – clever, raffiniert, durchschlagskräftig und torgefährlich – passen.“ Nie waren sich Manager und Trainer so sicher, diesmal die Richtigen erwischt zu haben. „Sie werden uns weiterbringen“, hatte Hoeneß frohlockt. Zu diesem Zwecke war Hertha sogar vom Weg der kontinuierlichen Verjüngung abgewichen. Bobic und Kovac werden im Herbst 32. Mit ihrer Verpflichtung waren ganz klar kurzfristige Ziele verknüpft. Zwei flotte, aber wertlose Vorbereitungssiege über Brügge und Istanbul taten ein Übriges. „Die Stimmung war gut“, sagt Hoeneß. „Es wäre fatal, wenn wir auch noch über etwas Positives mäkeln würden.“

Nur haben nicht die Medien, schon gar nicht die Fans diese Stimmung, diese Erwartungshaltung aufgebaut. Es war der Verein selbst, der sich – ohne Not – weit aus dem Fenster lehnte. Hoeneß hatte davon gesprochen, einen 26-Bundesligatore-Sturm (Wichniarek, Bobic) sowie Winnermentalität (Kovac) eingekauft zu haben. In der Stadt wurde es gern aufgenommen. Innerhalb der Mannschaft wohl auch. Ohne dass es jemand von außerhalb des Vereins gefordert hätte, ließ sich die Mannschaft öffentlichen zu der Zielsetzung Champions League hinreißen. Stellvertretend sei ein Satz vom neuen Vizekapitän Pal Dardai zitiert: „Ich spüre etwas“, sagte der Ungar im Trainingslager. „Dieses Jahr wird etwas Schönes mit uns passieren.“

Es muss etwas Schönes passieren, will man die selbst gestecken Ziele nicht vollends aus den Augen verlieren. „Wir haben keine Tore, also keine Argumente“, sagt Hoeneß jetzt. Das klingt nach Ernüchterung. Jetzt wird sich zeigen, ob das Jahr des Umbruchs hinter oder nicht vielmehr noch vor dem Verein liegt. Neuverpflichtungen schließt der Verein aus. Dafür müsste die Führung Fehler eingestehen. „Wir haben uns durch die ehrgeizigen Ziele Druck aufgebaut“, sagt Hoeneß. „Den müssen wir jetzt von der Mannschaft nehmen.“ Dabei hätte er doch wissen müssen, dass die Mannschaft sich daran vom ersten Spieltag an messen lassen muss. Vom Syndrom Leverkusen ist nun oft die Rede bei Hertha BSC. Gestartet waren die Rheinländer als Mannschaft, die den schönsten und erfolgreichsten Fußball in Europa gespielt und die sechs Spieler bei der WM hatte. Doch als dann der Saisonstart völlig verpatzt worden war, machte sich in Leverkusen Hilflosigkeit breit.

Jetzt folgt eine zweiwöchige Pokal- und Länderspielpause. Danach muss Anschluss ans Mittelfeld gefunden werden. Sonst droht das Leverkusener Schicksal. „Wir haben die Probleme lange nicht wahrhaben wollen“, sagte kürzlich Vereinsboss Reiner Calmund. „Wir haben damals zu spät reagiert.“

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