Sport : "Wer gibt schon freiwillig etwas von seiner Macht ab?"

SVEN GOLDMANN,ERNST PODESWA

THOMAS BACH (45), promovierter Jurist aus Tauberbischofsheim und Fecht-Olympiasieger (Mannschaft) von 1976, hat sportpolitisch ungewöhnlich rasch Karriere gemacht.Über die Rolle als Aktivensprecher rückte er 1991 ins Internationale Olympische Komitee und 1996 ins IOC-Exekutivkomitee auf.2000 wäre seine Wahl zu einem von vier IOC-Vizepräsidenten möglich.Sven Goldmann und Ernst Podeswa sprachen mit dem Hobby-Tennisspieler

TAGESSPIEGEL: Herr Bach, als Mitglied der IOC-Exekutive gehören Sie zu den einflußreichsten Persönlichkeiten der olympischen Bewegung.Da hat man viele Freunde.Was für Geschenke sind Ihnen denn zuletzt angedient worden?

BACH: Das hält sich in Grenzen.Vielleicht mal eine Baseballkappe, aber nichts, was den Ehrenkodex verletzt hätte.

TAGESSPIEGEL: Andere werden da aufmerksamer bedacht.Wie fühlt man sich zur Zeit eigentlich als IOC-Mitglied?

BACH: Ich habe mich schon wohler gefühlt.Ich bin sehr enttäuscht über einige Vorgänge, die ich nicht für möglich gehalten habe.

TAGESSPIEGEL: Die Zahl der von der Korruptionsaffäre um Salt Lake City betroffenen IOC-Mitglieder wird in der Öffentlichkeit von Tag zu Tag aktualisiert.Wie ist denn der aktuelle Stand?

BACH: Das werde ich Ihnen ganz bestimmt nicht verraten, bevor die Untersuchungskommission am 23.Januar ihren Bericht vorlegt.Eine Gesamtzahl würde ohnehin in die Irre führen, da es Unterschiede bei den Tatbeständen und den Beweisen gibt.

TAGESSPIEGEL: Sind die jüngsten Korruptionsfälle nicht vor allem darauf zurückzuführen, daß das IOC die Vermarktung zu sehr perfektioniert hat, daß einfach zu viel Geld im Spiel ist?

BACH: Wir haben es hier mit einer Zeitgeisterscheinung zu tun, die auch das IOC erfaßt hat.Dahinter stehen auch finanzielle Interessen der Bewerber.Wenn eine Stadt heute den Zuschlag für die Olympischen Sommerspiele bekommt, ist das verbunden mit einem Scheck über eine Milliarde Dollar vom IOC.Da wächst die Bereitschaft, die Dehnbarkeit von Regeln auszuloten.

TAGESSPIEGEL: Es werden immer mehr Stimmen laut, die einen Rücktritt von IOC-Chef Samaranch fordern.

BACH: Dafür habe ich kein Verständnis.Samaranch hat schon am 1.Dezember, als noch niemand in der Öffentlichkeit von einer Korruptionsaffäre wußte, die Juristische Kommission des IOC schriftlich mit der Untersuchung der Vorkommnisse beauftragt.

TAGESSPIEGEL: Warum ist denn das Schweizer IOC-Mitglied Marc Hodler in die Öffentlichkeit gegangen? Hätten Sie die Affäre nicht lieber intern geregelt?

BACH: Im internen Kreis kann man so etwas gar nicht regeln.Über Hodlers Motive zu spekulieren, ist müßig.Tatsache ist, daß Samaranch die Juristische Kommission eingesetzt hat, nachdem der erste Fall Ende November in Salt Lake bekanntgeworden war.

TAGESSPIEGEL: Und dann ...

BACH: ...hat das Organisationskomitee in Salt Lake das einzig richtige getan und aufgelistet, daß es weitere Fälle gibt.Darauf hat das IOC eine Untersuchungskommission eingerichtet.Das Verfahren war in vollem Lauf, und auf einmal hat Marc Hodler seine Pressekonferenz gegeben.Ich hatte den Eindruck, er wollte die Salt-Lake-Leute schützen, weil er befürchtete, ihnen könnten die Spiele weggenommen werden.

TAGESSPIEGEL: Wäre es nicht ein Glücksfall für die kränkelnde olympische Bewegung gewesen, wenn Salt Lake auf die Spiele verzichten und das allseits beliebte Lillehammer einspringen würde?

BACH: Nein, denn Aufgüsse sind immer schlecht.Jetzt erinnern sich alle an diese wunderschönen Spiele von 1994, an den Schnee, den Sonnenschein.Dann kommt man ein paar Jahre später wieder hin und es regnet, der Abfahrtslauf muß abgesagt werden, die Sportstätten sind nicht mehr so zeitgemäß.Der Charme der Spiele liegt im ständigen Wechsel von Kulturen.Jede Edition der Spiele muß einzigartig sein.

TAGESSPIEGEL: Wie realistisch ist denn die Befürchtung, Salt Lake müsse die Winterspiele 2002 zurückgeben?

BACH: Das schließe ich nach gegenwärtigem Sachstand aus.Salt Lake war nach Meinung aller Wintersportverbände, der Bewertungskommission und auch der IOC-Mitglieder der mit Abstand beste Kandidat.Deswegen fiel das Abstimmungsergebnis mit 40 Stimmen Vorsprung auch so deutlich aus.Selbst wenn hier irgendwelche Stimmen beeinflußt worden wären, hätten sie bei einer solchen Marge keine Rolle gespielt.

TAGESSPIEGEL: Ist der Fall Salt Lake nicht das beste Argument für eine Veränderung des Vergabemodus, wenn es schon ein offensichtlich turmhoch überlegener Kandidat glaubt nötig zu haben, Stimmen auf unlautere Weise zu gewinnen?

BACH: Entscheidend ist nicht die Struktur, sondern die Qualität der Leute.Eine Änderung des Wahlmodus kann nur mehr Kontrolle bringen.Dafür brauchen Sie eine Zweidrittelmehrheit der IOC-Session.Wer gibt schon freiwillig etwas von seiner Macht ab, weil einzelne sich falsch verhalten?

TAGESSPIEGEL: Wie könnte denn ein neuer Wahlmodus aussehen, und wie schnell könnte er eingeführt werden?

BACH: Ein Beschluß könnte theoretisch schon im Juni in Seoul gefaßt werden, also schon für die Vergabe der Winterspiele für das Jahr 2006 Gültigkeit haben.Das aber halte ich schon aus juristischen Gründen für eher unwahrscheinlich.Zum Modus: Ich halte zwei Verfahren für praktikabel.Zur Zeit testet eine Bewertungskommission die Qualität der einzelnen Bewerber.Deren Ergebnisse sind die Basis für den Abschlußbericht eines sogenannten Selection College.Man könnte nun dieses Gremium damit beauftragen, aus der Masse der Bewerber zwei Finalisten zu filtern, zwischen denen dann die Vollversammlung entscheidet.

TAGESSPIEGEL: Und die zweite Möglichkeit?

BACH: Die würde vorsehen, das Selection College auf 25 bis 30 Personen zu erweitern und ihm die alleinige Kompetenz zur Wahl der Olympiastadt zu geben.Ich würde da neben den elf Mitgliedern der Exekutive und etwa zehn durch ihre Präsidentschaft in Fachverbänden qualifizierte IOC-Mitglieder gerne die von den Olympiateilnehmern gewählten Athletensprecher sehen.

TAGESSPIEGEL: Damit würde ein Stück Demokratie einziehen in das IOC, das sich stärker denn je dem Vorwurf ausgesetzt sieht, über keine Legitimation als die selbst gegebene zu verfügen.

BACH: Die gewählte Athletenkommission ist in allen Kommissionen des IOC vertreten, auch die Exekutive trifft sich regelmäßig mit den Athleten.Die andere Frage, die Sie stellen, ist die Systemfrage insgesamt.

TAGESSPIEGEL: Die stellt sich ja nicht erst seit der Affäre um Salt Lake City.

BACH: Da erscheint sie mir auch nicht zielführend.Auch mit einer komplett umgestellten Struktur könnten Sie das Problem besonderer Empfänglichkeiten nicht ausschließen.Schauen Sie sich demokratisch gewählte Gemeinderäte an, von der EU ganz zu schweigen.Pierre de Coubertin hat die Struktur des IOC ebenso wie die Amateurregel aus der angelsächsischen Kultur kopiert.

TAGESSPIEGEL: Aber ist diese Selbstverwaltung denn heute nicht ebenso unzeitgemäß wie die Amateurregel?

BACH: Dieses System hat es dem IOC ermöglicht, über 100 Jahre zu überleben.Die Unabhängigkeit der Mitglieder hat in Zeiten politischer Konfrontation ein Zerreiben des IOC zwischen den politischen Fronten verhindert.Sonst hätte doch jeder Generalsekretär der KPdSU einen neuen Apparatschik geschickt, der seine Parteitagsrede gehalten und mit dem gesamten Warschauer Pakt "Njet" gestimmt hätte.Stellen Sie sich einmal vor, der Ostblock hätte es geschafft, das IOC der UNESCO einzugliedern.Dann gäbe es heute keine Spiele mehr.Es ist auch von Wert, eine genügend lange Amtsdauer zu haben, weil Sie im IOC immer sehr langfristige Entscheidungen treffen.Sie wählen ja eine Olympiastadt sieben Jahre im voraus.Wenn Sie da wissen, daß Sie zum Zeitpunkt der Spiele gar nicht mehr im Amt sind, kann das zu Einflüssen führen, die wir in der Politik immer wieder bedauern.

TAGESSPIEGEL: Gibt es denn Überlegungen zur Veränderung der Struktur?

BACH: Mir persönlich liegt daran, möglichst ehemalige Athleten ins IOC zu holen.In der Exekutive haben wir mit sechs ehemaligen Olympiateilnehmern schon die Mehrheit.

TAGESSPIEGEL: Die Berliner behaupten ja nach wie vor, ihre Bewerbung um die Spiele 2000 sei technisch die beste gewesen, sie wären im Umgang mit den IOC-Mitgliedern nur zu naiv gewesen.

BACH: Die Berliner Bewerbung hatte, diplomatisch ausgedrückt, viele Facetten.Technisch war sie sicherlich hervorragend, aber daran hat es ebensowenig gelegen wie an den Versäumnissen, die Sie andeuten.

TAGESSPIEGEL: Sondern?

BACH: Das IOC hatte nicht den Eindruck, die Stadt wolle die Spiele wirklich, getragen von einer Welle der Begeisterung.Wenn ein IOC-Mitglied Berlin besucht hat, mußte ihm ein Sicherheitsbeamter zur Seite gestellt werden.In Sydney wurde das Bewerbungskomitee nach dem Zuschlag von 400 000 Menschen begeistert empfangen.Wer hätte denn eine siegreiche Berliner Delegation empfangen? Vielleicht die Frau Demba, mit einem Stein in der Hand.

TAGESSPIEGEL: Sehen Sie da nicht beängstigende Parallelen zu Salt Lake City? Eine technisch perfekte Bewerbung, aber eine von Tag zu Tag schwindende Begeisterung in der Bevölkerung?

BACH: Ich kann diese schwindende Begeisterung nicht sehen.Bei einer letzten Umfrage am 9.Januar ist die Zustimmung zu den Spielen um 9 Prozentpunkte gestiegen.Ich möchte das mal mit ein wenig Ironie mit dem Clinton-Verfahren vergleichen: Je mehr da die Zähne gefletscht werden, um so sensibler reagieren die Leute.So steigt auf der einen Seite die Zustimmung zu Clinton und auf der anderen Seite die zu Salt Lake.

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