Sport : Wer ist der stärkste Mann der Welt?

Knud Kohr

Die Schwergewichtsboxer Wladimir und Witali Klitschko werden diese Frage nicht beantworten wollen: Sie sind BrüderKnud Kohr

Eine gewaltige Rechte knallt gegen das geschwollene Auge von Axel Schulz. Schweiß- und Blutströpfchen spritzen in die Luft. Die Arme des deutschen Schwergewichtlers schnellen unkontrolliert nach oben, als gäbe es dort etwas, woran sie sich festhalten könnten. Doch da ist nichts. Noch eine Rechte. Instinktiv versucht Schulz, die Handschuhe zum Schutz an den Kopf zu bringen. Nach einem Deckung suchenden Profiboxer sieht er nicht mehr aus. Sondern eher wie ein Kind, das entsetzt die Hände vor die Augen drückt. Dann taumelt er rückwärts in die Seile, geht zu Boden. Der Ringrichter springt dazwischen. Der Kampf ist aus. Es ist der 25. September 1999, und der neue Europameister im Schwergewicht heißt Wladimir Klitschko.

Der 23 Jahre alte Ukrainer küsst seine rechte Faust. Gelassen nimmt er den Jubel der 18 000 Boxliebhaber in der Kölner Arena entgegen. Sie haben bis zu 1000 Mark gezahlt, um ihn zu sehen. Ein Inbegriff des Prachtkerls - zwei Meter groß, ein lächelndes Gesicht, das keinerlei Spuren des Kampfes trägt. Der Schweißfilm auf seiner Haut läßt einhundertvier Kilo austrainierten Körper glänzen. Experten glauben, dass er bald Weltmeister sein wird. Vielleicht ist er der beste Kämpfer des Planeten. Niemand scheint seinem Siegeswillen widerstehen zu können. Doch Wladimir Klitschko hat ein Problem. Seinen fünf Jahre älteren Bruder Witali. Der sieht genauso aus. Und ist ebenfalls Schwergewichtsboxer.

Die meisten Zuschauer können die Klitschkos bis heute nicht unterscheiden, viele halten sie für Zwillinge, weil beide fast auf den Zentimeter gleich groß und fast aufs Pfund gleich schwer. Beide kämpfen seit 1996 als Profis beim Hamburger Promoter Klaus-Peter Kohl. In der Öffentlichkeit treten sie fast immer gemeinsam auf. Wladimir, der Jüngere, ist ein wenig schöner und eloquenter. Sein großer Bruder Witali ist ein wenig stiller und analytischer. Auch ihr Kampfstil ist nahezu identisch; die Klitschkos siegen so planvoll, wie ein Chirurg einen Tumor entfernt: Zu Beginn des Fights schießt die schwächere Linke serienweise aus sicherer Entfernung durch die Deckung des Gegners, der bisher körperlich immer wesentlich kleiner war. Beginnt er nach einigen Minuten des zermürbenden Bombardements zu wanken, beendet eine schwere Rechts-Links-Kombination oder eine einzelne Rechte den Kampf. Diese Taktik ist nahezu unfehlbar: Wladimir beendete 29 seiner 32 Kämpfe vorzeitig, Witali gar alle 26.

Am Anfang erinnerten die K.o.-Maschinen aus Hamburg viele an die Kunstfigur Ivan Drago. Das war der Widersacher Sylvester Stallones in "Rocky IV". Dolph Lundgren spielte damals den schweigsamen sowjetischen Wunderboxer, der unter strenger medizinischer Aufsicht in unterirdischen Trainingsstätten für die Entscheidungsschlacht mit dem dekadenten Westen gedrillt wurde. Etwas Unbesiegbares, Gefühlloses kam aus den Tiefen des russischen Hinterlandes, um die freie Welt zu bedrohen. Nur Rocky konnte diese eiskalte sibirische Kampfmaschine aufhalten. Auch die Klitschkos durchlebten eine sowjetische Musterkindheit. Geboren wurden sie 1971 bzw. 1976 in Kiew als Söhne eines Oberst der Roten Armee. Nach dem Abitur folgte für beide das Studium, nebenbei eine erfolgreiche Karriere als Amateurboxer. Witali schrieb sogar eine Promotion, was ihm den Spitznamen "Dr. Faust" einbrachte. In Interviews erklären sie ihre Körpergröße beharrlich grinsend damit, dass sie in Tschernobyl und in unmittelbarer Nähe von Atombomben-Testgebieten aufgewachsen seien. So schwirrt nach jedem Blitz-K.o. die Frage um den Ring, ob es denn keinen Rocky gebe, der wenigstens einen der Klitschkos stoppen könnte.

Wer sein Herz ans Boxen verloren hat, ist streng. Er liebt, wie Jörg Fauser, einen Boxer erst, wenn er ihn strauchelnd, blutend oder gar untergehend gesehen hat. Wie Joe Louis, als er gegen Max Schmeling verlor, wie Muhammad Ali, als er im Kampf gegen George Foreman den brutalen Schlägen seines Gegners in die Seile auswich und der Mythos des leichtfüßigen Tänzers im Ring fast zerbrach. Oder sie lieben ihn, wenn sie sehen, dass er gegen mehr als nur seinen Gegner im Ring kämpft. Wie Mike Tyson, der in seinen Anfängen mit einer Wut losstürmte, die sich rational, allein mit der Anwesenheit seines Widersachers, nicht erklären ließ. Sogar Axel Schulz genoss die Zuneigung der Menge, da er seine Hemmungen nie ablegen konnte, sobald es um einen Titel ging. Gegen diese Helden wirken die Klitschkos seltsam blass.

Die bei triumphierenden Boxern üblichen Siegestänze im Ring oder das Posieren auf den Ringseilen meiden sie. Warum die stoische Ruhe? Die Brüder erklären sie selbst aus einer engen Familienbindung; legendär ist ihre Mutterliebe. Am Anfang ihrer Karriere hatte Mama Klitschko ihren beiden Jungen das Versprechen abgenommen, niemals gegeneinander anzutreten. Seitdem steigen sie nicht einmal im Training in den selben Ring. Aber dass eine derart strikte Unterwerfung zum Problem werden kann, zeigte sich 1998 in Kiew. Zum ersten Mal in ihrer Profikarriere traten die Brüder in der Heimat an. 12 000 Zuschauer bejubelten sie, das Management hatte chancenlose Gegner, sogenanntes "Fallobst", verpflichtet, um die Party nicht zu verderben. Die Eltern saßen am Ring. Doch genau das machte den jungen Wladimir nervös. Wie ein Wilder und gegen jede Kampfökonomie drosch er auf Ross Puritty aus den USA ein, der sich zehn Runden lang hinter der Deckung verschanzte, um den völlig ausgepumpten Ukrainer schließlich in die Seile zu hämmern: Es sollte die bislang einzige Profiniederlage eines Klitschko sein.

Es ist der Respekt vor der Familie, der die Klitschkos vor einem drohenden Konflikt schützt: dem des Kampfes gegeneinander. Normalerweise beugen Brüderpaare im Profiboxen der Selbstzerfleischung vor, indem einer der beiden sich ein paar Pfunde anfuttert und in der nächsthöheren Gewichtsklasse antritt. Ralf und Graciano Rocchigiani waren so ein Fall. Dieser Weg ist den Ukrainern versperrt; sie sind so massig, dass kein anderes Limit als das Schwergewicht für beide in Frage kommt. In keiner anderen Gewichtsklasse wird aber der archaische Grundmythos des Boxens so sehr deutlich: Wer ist der stärkste Mann der Welt? Wer kann alle besiegen, die sich ihm entgegenstellen? Zwei können es nicht sein.

Spätestens, wenn beide Klitschkos einen WM-Gürtel haben, wird man versuchen, sie aufeinander zu hetzen. Unsummen würden geboten für eine solche Attraktion. Denn zwei Brüder im Kampf um die ungeteilte Weltmeisterschaft, das wäre "das größte Ding seit Kain und Abel". In einem solchen Kampf könnte der Sieger sich seines ewigen Ebenbildes entledigen und zum alleinigen König des Schwergewichts aufsteigen. Doch welchen Preis müßte er zahlen? Hoffentlich - und bei aller Freude am Voyeurismus - kommt es nie zu diesem Kampf. Denn wäre es nicht tröstlich, in einer Welt zu leben, in der zwei der stärksten Kämpfer sich lieber ihrem der Mutter gegebenen Gelübde beugen - und sich die Krone brüderlich teilen, statt die Sensationslust von Fans und Medien zu befriedigen?Der Autor schreibt zusammen mit Martin Krauß ein Buch zur Geschichte des Boxsports. Es wird im Jahr 2000 im Göttinger Verlag Die Werkstatt erscheinen.

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