Sport : Wer ist Dirk Nowitzki?

Benedikt Voigt

WARUM IST DIRK NOWITZKI EIN STAR?

Dass er tatsächlich einer ist, ließ sich schön vor zwei Wochen in der Color- Line-Arena in Hamburg beobachten. Als die deutsche Basketball-Nationalmannschaft gegen 23 Uhr nach einem Testspiel mit dem Mannschaftsbus ins Hotel fuhr, fing für Dirk Nowitzki die Arbeit erst an. Rund 1500 Zuschauer hatten sich hinter einem Seil angestellt, sie folgten einer Durchsage, nach der Nowitzki im Anschluss an das Testspiel gegen China Autogramme geben werde. Und tatsächlich, er schrieb und schrieb und schrieb. Sein persönlicher Betreuer von einer Sportartikelfirma blickte bald ungeduldig auf die Uhr. Doch der blonde Basketballprofi ließ sich nicht beirren. Als er nach rund 40 Minuten den Stift aus der Hand legte, war kein Autogrammjäger übrig, der nicht seinen Schriftzug ergattert hätte. Und das ist nur ein Grund, warum Nowitzki so populär ist.

Dirk Nowitzki ist einer der wenigen deutschen Weltstars im Sport. Außerhalb seiner Heimat kennen ihn vielleicht noch mehr Menschen, weil Basketball in Deutschland Randsport ist. In den USA, China oder südeuropäischen Ländern weiß fast jeder Sportinteressierte, was Dirk Nowitzki macht: Er spielt Basketball in der nordamerikanischen Profiliga NBA, der besten Liga der Welt, und das auch noch außergewöhnlich gut. In der vergangenen Saison erhielt er für seine herausragenden Leistungen in der regulären Spielzeit den Titel des „Most Valuable Player“ MVP verliehen. Er darf sich nun „wertvollster Spieler der Saison 2006/2007“ nennen. Vor ihm haben nur die Allergrößten seiner Sportart diese Auszeichnung erhalten: Larry Bird, Magic Johnson oder Michael Jordan. „Jetzt hat er’s schriftlich“, sagt sein Mentor Holger Geschwindner.

Sein Talent hat Nowitzki reich gemacht, er verdient bei den Dallas Mavericks rund 15 Millionen Dollar pro Jahr. Doch er ist bescheiden geblieben, auf Werbeverträge legt er keinen Wert, „mir war der Vermarktungsgedanke nie wichtig“, sagt Nowitzki. Stattdessen wirbt er für den Sponsor des Deutschen Basketball-Bundes, für eine Aids-Kinderhilfe der Unicef und eine Antidrogenkampagne.

KANN ER DEUTSCHLAND ZUM EM-TITEL IM BASKETBALL WERFEN?

Wahrscheinlich nicht. Dirk Nowitzki ist zwar einer der besten Basketballer der Welt, Bundestrainer Dirk Bauermann hält ihn sogar für den besten. Aber Basketball ist ein Mannschaftssport, und ein einziger überragender Spieler reicht nicht, um einen Titel zu gewinnen. „In Europa gibt es so viele gute Teams, da nützt ein Ein- oder Zwei-Mann-Betrieb nichts“, sagt Dirk Nowitzki. Trotzdem, das deutsche Team geht nicht chancenlos in die Europameisterschaft, vor zwei Jahren kam es auf Platz zwei. Das soll in diesem Jahr wieder gelingen.

Inzwischen aber haben sich die Gegner besser auf ihn eingestellt. „Er ist MVP der vergangenen NBA-Saison“, sagt sein Nationalmannschaftskollege Ademola Okulaja, „das weckt in Europa Ehrfurcht, aber auch Ehrgeiz.“ Um ihn am Werfen zu hindern, stürzen sich oft mehrereVerteidiger auf ihn. „Er wird nicht wie die anderen Spieler gefoult“, sagt Okulaja, „in Europa kriegt er richtig Prügel.“

Ähnliches erlebt im Fußball gerade Franck Ribéry, der Fußballstar des FC Bayern, der zuletzt in der Bundesliga häufiger hart gefoult wurde. Er müsse besser geschützt werden, forderte Bayerns Manager Uli Hoeneß. Dirk Nowitzki kennt das Problem schon länger. Seit er sich zu einem der besten Basketballer der Welt entwickelt hat, erhält er regelmäßig Sonderbewachung durch mehrere Verteidiger. Bei der Europameisterschaft 2001 hatte er sich im Halbfinale gegen die Türkei durch Härte aus dem Konzept bringen lassen und in der Verlängerung wichtige Freiwürfe vergeben. Seitdem gilt für die Gegner eine bewährte Taktik: Wer Nowitzki kontrolliert, kontrolliert auch die deutsche Nationalmannschaft.

Doch Dirk Nowitzki bereitet sich inzwischen gezielter auf den Nahkampf auf dem Feld vor. Außerdem nimmt er die harten Duelle als Herausforderung. „Wenn ich in die Halle gehe, weiß ich: Die anderen haben es auf mich abgesehen, sie wollen mich ausschalten“, sagt er, „das ist ein besonderer Kick.“

WIE WIRD EIN WÜRZBURGER ZU EINEM DER BESTEN BASKETBALLER DER WELT?

Beinahe wäre Dirk Nowitzki Tennisspieler oder Handballer geworden. Zumal in seiner Familie Basketball nur als Frauensport galt, seine Mutter Helen war Nationalspielerin, seine Schwester Silke Juniorennationalspielerin. Vater Jörg, ein Malermeister aus Würzburg, hingegen spielte Handball. Mit 13 Jahren entschied sich Dirk Nowitzki für Basketball, kam in die Jugendnationalmannschaft und wäre sicherlich ein guter, aber vielleicht nicht überragender Bundesliga- und Nationalspieler geworden, wenn er nicht 1995 Holger Geschwindner getroffen hätte.

Der ehemalige Basketball-Nationalspieler und Olympia-Teilnehmer von 1972 erkannte Nowitzkis Talent. „Wir werden es mit den Größten aufnehmen“, sagt Geschwindner, „wir wollen in die NBA.“ Der eigenwillige Physiker wandte kuriose Trainingsmethoden an, ließ ihn im Handstand durch die Halle laufen, zu Jazzmusik dribbeln und mit Teamkollegen über den Starnberger See rudern. Er kümmerte sich um eine ganzheitliche Ausbildung, legte ihm Bücher und Musik ans Herz und sorgte dafür, dass er Abitur machte. Die wichtigste Entscheidung aber traf Holger Geschwindner am 27. März 1998. Am Abend sollte Dirk Nowitzki eigentlich mit seinem Klub DJK Würzburg in der Aufstiegsrunde zur Ersten Bundesliga spielen. Doch Geschwindner hatte einen anderen Plan. Ohne Wissen der Eltern oder seines Vereins fuhr er mit dem 18-jährigen Dirk Nowitzki zum Flughafen Frankfurt, um nach San Antonio, Texas, zu fliegen. Dort fand zwei Tage später das „Nike Hoop Summit“ statt, ein Spiel der besten europäischen Nachwuchstalente gegen die besten US-amerikanischen. Vor zahlreichen Talentsuchern erzielte der junge Deutsche 33 Punkte, fing 14 Rebounds – und fand sich anschließend auf der Wunschliste einiger NBA-Vereine wieder. Schließlich bekamen ihn 1998 die Dallas Mavericks.

WIE SIEHT SEINE ZUKUNFT AUS?

Sportlich eine spannende Frage. In den USA musste er sich nach dem Aus in der ersten Play-off-Runde Kritik gefallen lassen: Wenn es wichtig werde, hieß es, übernehme er nicht genug Verantwortung. Nun liegt es an ihm, das zu widerlegen. Und seine zwei Träume zu verwirklichen: die Teilnahme an Olympischen Spielen und der Titel in der NBA.

Und privat? Eine Familie wolle er gründen, sagt er. „Wenn ich das noch fünf, sechs Jahre leiste, werde ich mir viel Zeit für mich und meine Familie nehmen können.“ Zuletzt fuhr er mit Holger Geschwindner zwei Monate nach Australien. Mit Rucksack und Zelt. „Er hat im Gegensatz zu anderen in seinem Alter nie die Gelegenheit dazu gehabt“, sagt sein väterlicher Freund. „Luxushotels kennt er ja genug.“ Dieser Trip zeigt nur, wie wenig Nowitzki der NBA-Glamour behagt. Viele seiner Teamkollegen stammen aus dem Ghetto und zeigen gerne, zu was sie es gebracht haben. Sie schmücken sich mit goldenen Ketten, Brillanten und Diamanten. Nowitzki legt darauf keinen Wert. Seine lange blonde Mähne versteckt er gerne unter einem riesigen Schlapphut. Er soll helfen, nicht erkannt zu werden – was ihm aber aufgrund seiner auffälligen Körpergröße nur selten gelingt.

Würzburg ist ein Fixpunkt in seinem Leben geblieben. Wenn er nach Deutschland kommt, wohnt er im Haus der Schwester. Ansonsten dringt über sein Privatleben nicht viel an die Öffentlichkeit. Er scheint sich auch in diesem Punkt von der Masse der NBA-Spieler zu unterscheiden. Diesen wird nachgesagt, dass sie durchschnittlich ein uneheliches Kind haben. Dirk Nowitzki sagt: „Dann muss ein anderer zwei haben.“

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