Sport : Wer jammert besser?

Felix Meininghaus

In welchem Klub sind denn nun die größten Jammerlappen der deutschen Fußball-Nation? Bei Bayer Leverkusen oder bei Borussia Dortmund? Viel wurde in den vergangenen acht Tagen lamentiert über Benachteiligung und ach so ungerechte Pfiffe der Schiedsrichter. Zuerst waren die Leverkusener dran, nachdem sie in St. Pauli in letzter Sekunde einen Strafstoß hinnehmen mussten, der sie zwei sicher geglaubte Punkte kostete. "Wer eine Woche über eine Elfmeterentscheidung jammert", lästerte Dortmunds Torhüter Jens Lehmann, "hat es nicht verdient, am Ende ganz oben zu stehen." Fragt sich nur, wo der BVB in der Tabelle angesiedelt wäre, wenn die Plätze nach diesem Kriterium ausgelobt würden.

Beim Beklagen des eigenen Schicksals ist der Meisterschaftsanwärter aus Dortmund auch nicht schlecht. "Wir werden schon die ganze Saison benachteiligt", sagte Präsident Gerd Niebaum nach der Spitzenpartie in Leverkusen, "so geht das nicht weiter." Und Manager Michael Meier fand es "enttäuschend, dass einer über eine Schiedsrichterentscheidung jammert, und dann eine Woche später belohnt wird". Wobei Meier und seine Mitstreiter außer Acht ließen, dass sie sich in Leverkusen auf das gleiche Niveau begaben. Nachdem der Spitzenreiter durch eine 0:4-Schlappe vom Verfolger abgelöst worden war, gab er die Rolle des kleinlichen Verlierers. Natürlich gab es Anlass, sich über die Entscheidungen des Schiedsrichters Helmut Fleischer zu beschweren. Schließlich hatte der dem Führungstreffer des BVB zu Unrecht die Anerkennung verweigert, weil nicht Torschütze Ewerthon, sondern dessen Landsmann Amoroso im Abseits stand.

Aber kann man das als Begründung für eine solch eindeutige Niederlage heranziehen? Wohl kaum. Dortmunds Trainer Matthias Sammer hätte zwar "gerne gesehen, wie das Spiel gelaufen wäre, wenn wir mit einer Führung im Rücken hätten kontern können", räumte aber auch ein: "Wenn du 0:4 verlierst, hast du keine Argumente." Viel schwerer als die Fehlentscheidung Fleischers wogen die eigenen Unzulänglichkeiten: zum Beispiel in der Defensive, die nach dem Ausfall von Nationalspieler Christian Wörns weitgehend überfordert war, Bayers schnellen Angreifern wirkungsvoll entgegenzutreten. Oder im Mittelfeld, in dem sich Sebastian Kehl vergeblich mühte, Struktur ins Spiel zu bringen. Dazu wurde wieder einmal deutlich, dass Lars Ricken kaum in der Lage ist, die Rolle des Gestalters einzunehmen, wenn Tomas Rosicky ausfällt.

Wieviel stärker und zwingender war da das Auftreten der Leverkusener Kreativabteilung mit Michael Ballack und Yildiray Bastürk. Und so kam nach den Treffern durch Ballack, Carsten Ramelow, Oliver Neuville und den eingewechselten Bulgaren Dimitar Berbatow ein Sieg zustande, den Leverkusens Trainer Klaus Toppmöller als "auch in dieser Höhe verdient" bezeichnete. Bei solch eindeutigen Fakten braucht man sich eigentlich nicht lange mit dem Schiedsrichter zu beschäftigen. Und so verlagerte sich das Forum bei der anschließenden Pressekonferenz kurzerhand ins Auditorium, wo sich rheinische und westfälische Journalisten mit hochrotem Kopf in die Haare gerieten. So heftig wurden die verbalen Scharmützel geführt, dass Sammer den Finger hob und mahnte, dies "nicht wieder als Fehde zwischen mir und Toppmöller darzustellen".

Die Auseinandersetzung ist also auch durch den klaren Sieg noch nicht beendet. "In zwei Wochen stehen wir wieder vorn", prophezeite Lehmann, "da bin ich mir ganz sicher." Dagegen spüren sie in Leverkusen durch den Prestigeerfolg Rückenwind. Vielleicht ist die Zeit mit Toppmöller ja tatsächlich gekommen, dass die größte Sehnsucht endlich erfüllt wird: "Wir haben schon so oft an der Meisterschale gekratzt", sagte Manager Reiner Calmund, "jetzt möchten wir sie auch mal in den Händen halten."

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