Sport : Wer profitiert von wem?

Hertha und Bastürk sind voneinander abhängig

Ingo Schmidt-Tychsen

Berlin - Die Frage kommt zu einem Zeitpunkt, an dem sie Yildiray Bastürk sicherlich nicht erwartet hatte. Herthas Mittelfeldspieler wird umringt von lachenden Kindern, er muss Autogramme schreiben und für Fotos lächeln. „Bleiben Sie bei Hertha?“, will plötzlich eine Mutter wissen. Bastürk legt die Stirn in Falten. „Das weiß ich noch nicht“, sagt er – und geht rasch in Richtung Kabine. Bastürk hatte seine Entscheidung für Ende März angekündigt. Der Monat ist inzwischen vorüber, „es kann auch Anfang April werden“, sagt der Mittelfeldspieler. Ob er in Berlin bleibt, zum VfB Stuttgart wechselt oder ins Ausland – das will der 28 Jahre alte Türke in den nächsten Tagen bekannt geben. „Wir haben noch nichts unterschrieben“, sagt Bastürks Berater Reza Fazeli. Auf einen Verbleib bei Hertha deutet nichts mehr hin. Manager Dieter Hoeneß hatte vor ein paar Tagen angekündigt, „dass wir sofort zugreifen, wenn wir uns mit jemandem einig sind“.

Noch aber steckt das Pärchen Hertha/Bastürk in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis, obwohl es sich bereits in der Trennungsphase befindet. Hertha braucht den Mittelfeldspieler: Der Antreiber soll verhindern, dass die Berliner doch noch ernsthaft in den Abstiegskampf der Fußball-Bundesliga geraten. Nach der 1:2-Niederlage in Nürnberg hat Hertha nur noch fünf Punkte Abstand auf Platz 16, der Trend ist negativ: Berlin stellt die schlechteste Rückrundenmannschaft. Seit der Winterpause konnte der türkische Nationalspieler erst viermal von Beginn an auflaufen – Hertha gewann immerhin zwei dieser Spiele.

Aber Yildiray Bastürk braucht Hertha ebenso. Noch ist er sich offenbar mit keinem Verein einig. Stuttgart hat Interesse bekundet, Bastürk will nach eigenen Angaben in der Bundesliga bleiben. Um einen lukrativen Vertrag aushandeln zu können, muss er zeigen, dass er seine Verletzungsmisere (diverse Knieprobleme) überwunden hat. In den vorangegangenen beiden spielfreien Wochen konnte Bastürk seine körperlichen Defizite aufarbeiten, das Spiel gegen Nürnberg war ein erster Nachweis seiner Klasse. Bastürk spielte besser als die meisten seiner formschwachen Kollegen. Kein Berliner hatte mehr Ballkontakte als er (72), vier Torschüsse von Bastürk wollen die Statistiker auch noch gezählt haben.

Ein bisschen erinnerte Herthas Spiel in Nürnberg mit Bastürk an das System Marcelinho. Ball und Verantwortung wurden im Mittelfeld an den Spielmacher übertragen, so wie früher an den Brasilianer. Um das Spiel zu kontrollieren, reichte die Leistung Bastürks aber nicht aus. Ein paar gute Szenen hatte er: In einer umdribbelte Bastürk auf dem Weg von der Mittellinie in Richtung Strafraum fünf Nürnberger, am Ende wurde er durch ein Foul gestoppt. An der Entstehung des Tores durch Christian Gimenez war der Türke ebenfalls beteiligt. „Ich war zufrieden“, sagte er zu seiner Leistung.

Eine ironische Komponente könnten die weiteren Spiele von Bastürk ebenfalls haben. Macht Bastürk seine Sache gut, kann er die derzeit trudelnden Berliner wieder auffangen und in der oberen Tabellenhälfte stabilisieren. Schafft er das nicht, dann droht der Abstiegskampf. Hertha wirbt gerade intensiv um einen neuen Spielgestalter für die kommende Saison. Manager Dieter Hoeneß hat für den wahrscheinlichen Fall, dass Bastürk den Verein verlässt, einen „echten Kracher“ angekündigt. Welcher ambitionierte Mittelfeldspieler aber wechselt gern zu einem Abstiegskandidaten?

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