Sport : Wer schlägt jetzt den Takt?

Hertha BSC steht kurz vor der Verpflichtung eines neuen Trainers – und Ralf Rangnick ist ein Kandidat

André Görke

„Ich werde am 3. Januar unseren neuen Trainer vorstellen. Die Pressekonferenz ist für diesen Tag auf 12 Uhr angesetzt.“

(Dieter Hoeneß, Manager von Hertha BSC)

Berlin. Ralf Rangnick sah sich an Heiligabend erinnert, wenn die Familie vor dem Tannenbaum sitzt und sich kleine, hübsche Geschichten erzählt. „Weihnachten ist die Zeit der Märchen“, sagte Rangnick, der Trainer von Hannover 96, und hoffte mit diesem Dementi, dass die Frage eindeutig beantwortet war. Doch das war sie nicht. Rangnick bleibt einer der Kandidaten für den Trainerposten von Hertha BSC.

Gestern haben sich die Angestellten des Berliner Fußball-Bundesligisten in den Urlaub verabschiedet, am 3. Januar werden sie von Manager Dieter Hoeneß auf dem Trainingsplatz erwartet, damit er ihnen am Vormittag den neuen Trainer vorstellen kann. Doch so lange werden die Profis nicht warten müssen, denn es sollen nur noch zwei, höchstens drei Trainerkandidaten mit dem Berliner Management in Verhandlungen stehen. Einer von ihnen heißt – Ralf Rangnick. Aber um Namen geht es in diesen Stunden weniger, sondern vielmehr darum, was die Mannschaft in dieser Situation für einen Vorgesetzten eigentlich braucht.

Sehr wahrscheinlich hat Herthas Führungsetage intern zwei Gedankenmodelle erstellt und im inneren Zirkel des Vereins diskutiert. Nach dem ersten muss der Trainer ein in der Branche so genannter „Feuerwehrmann“ sein, der die Mannschaft aufweckt, ihr Selbstvertrauen einflößt und irgendwie ans Ziel führt. Das wäre der Klassenerhalt. Platz 15 wenigstens. Eine Zahl von 40 am Saisonende erreichten Punkten sollte für den Klassenerhalt genügen, in den vergangenen Jahren waren es sogar drei bis vier weniger. Doch nach der Hinrunde stehen bei Hertha lediglich 13 Punkte auf dem Konto.

Ein Cheftrainer wie Ralf Rangnick wäre Teil des zweiten Modells. Diese Variante ist weniger operativ, sondern strategisch angelegt. Der neue Trainer soll die Mannschaft vor dem Abstieg bewahren, aber auch die im Frühjahr beginnende Planung für die kommende Saison in Angriff nehmen. Rangnick hat jetzt bestätigt, dass er vor zehn Wochen eine Anfrage aus Berlin erhalten hat, als der damalige Trainer Huub Stevens vor der Entlassung stand. Aber seitdem habe er keinen Kontakt nach Berlin gehabt. Ihm wird bei Hertha BSC die mittelfristige Arbeit zugetraut, noch aber bestehen Zweifel, ob Rangnick, 45, auch der richtige Mann für den kurzfristigen Erfolg ist.

Die Berliner sind jedenfalls schon so weit in ihren Überlegungen, dass sie Rangnicks Assistenzstab – Kotrainer Mirko Slomka und Teammanager Thomas Westphal – ein Angebot unterbreitet haben sollen. Die Bezüge von Rangnick sollen sich in Berlin auf etwas weniger als zwei Millionen Euro belaufen, das wäre eine annähernd ähnliche Summe, für die Huub Stevens in Berlin arbeitete.

Doch da gibt es ein Problem: Rangnick steht bei Hannover 96 noch bis Juni 2005 unter Vertrag, eine Ausstiegsklausel soll es nicht geben. Hannovers Präsident Martin Kindt reagiert gereizt auf die Diskussionen über seinen Trainer, obwohl er selbst Schuld daran trägt, dass die Debatte seit Tagen in der Öffentlichkeit ausgetragen wird. Mal plant er mit Rangnick, mal könne man über eine Ablösesumme mit Hertha reden. Dieses Spiel aber werden die Berliner nicht mitmachen, heißt es, schließlich liegen Kindt und Rangnick seit Monaten im Clinch, eine Trennung ist nicht unwahrscheinlich.

Wenn sich die Führungsetage der Berliner für die kurzfristige Lösung entscheidet, dann gibt es zumindest die Gewissheit, dass es folgende Kandidaten nicht werden: Christian Gross, Ewald Lienen und Kjetil Rekdal. Wen sucht Hertha also? Viele Vorgaben gibt es nicht, auf Hauptstadt-Etikette legt Hertha keinen Wert mehr. Der Neue müsste nicht im Anzug erscheinen, auf die Neigung der Fans wird keine Rücksicht genommen. Wichtig ist allein der Klassenerhalt. Das haben bei Hertha BSC jetzt alle verstanden.

Im Sommer müsste dann über den Posten erneut nachgedacht werden. Bleibt der mögliche Retter? Oder greift das alte Konzept, nach dem Hertha mit einem großen Trainer zu den Großen der Liga aufsteigen will? Dann wäre da vielleicht ein Kandidat neu auf dem Markt, der eine hohe Wertschätzung und Sympathie genießt, aber in Dortmund zurzeit so seine Probleme hat: Matthias Sammer. Den kennt Hoeneß noch aus gemeinsamen Tagen beim VfB Stuttgart. Er wäre gewiss ein Wunschkandidat.

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