Sport : Wer seid Ihr denn?

Schnauzer, Clownschulen und ein panischer Hahn: Fans und ihre Macken

Philipp Köster[Wien]
216836_0_bed69633
Fotos: dpa(6), AFP(4), Reuters(4), AP(2)

Die Rumänen: Als wären die 80er Jahre nie weg gewesen. Im rumänischen Lager werden Schnauzbärte und Jogginghosen noch offen getragen. Lauter freundliche Janosch-Epigonen in gelben Trikots, die durch nichts aus der Ruhe zu bringen sind. Allein die Getränke der rumänischen Anhänger lassen Mitteleuropäer schaudern: Wein aus Tetrapacks und selbstgebrannter Schnaps auf Methylalkoholbasis, der ungeübte Trinker binnen Minuten erblinden lässt.

Die Holländer: Optisch wie immer die auffälligste Fraktion. Das knallige Orange wird zwar sonst nur noch von der deutschen Entsorgungsindustrie getragen, knallt im Stadion jedoch weitaus mehr als etwa das Tischdeckenmuster der Kroaten. Minuspunkte gibt es jedoch beim aktuellen Liedgut der holländischen Anhänger: Tophit ist derzeit eine umgedichtete Version des grausamen Karneval-Schlagers „Viva Colonia“, dessen Melodie auch als „Viva Hollandia“ kaum erträglicher für die Ohren wird.

Die Deutschen: Sind fast ausschließlich in Kegelgruppenformation unterwegs. Pflichtbekleidung: Motto-Shirt mit Beschriftung, vorne: „Bergtour 08“ oder „Bier formte diesen wunderschönen Körper“, hinten „Freiwillige Feuerwehr Bergeborbeck“. Dafür die einzige Fangemeinde, die für passable Umsätze auf der Klagenfurter Fanmeile sorgte und das überteuerte Bier klaglos in sich hineinschüttete. Wir hams ja.

Die Schweden: Sind wie bei jedem Turnier die Blauhelm-Mission unter den Fangruppen. Friedlich wie ein Katholikentag, fröhlich wie eine Clownschule auf Betriebsausflug und dabei so trinkfest wie eine Bundeswehrkompanie nach der Grundausbildung. Erkennungszeichen: der blaugelbe Wikingerhelm mit kleinen Hörnchen und jener ulkige Akzent, der uns stets an den letzten Skandinavien-Urlaub mit „friske fisk“ und „pölser“ erinnert. Auch wenn der natürlich streng genommen im benachbarten Dänemark war.

Die Polen: Die schiere Masse. Ob in Klagenfurt oder Wien, stets schien sich halb Polen einen Brückentag genommen zu haben. Optisch haben die polnischen Anhänger so manches Fanutensil neu in die Szene eingeführt. Vor allem die etwa drei Meter hohen Plüschhüte in Landesfarben, deren Statik selbst erfahrenen Star-Architekten Respekt abnötigen und die inzwischen auch viele deutsche Anhänger tragen. Das Gesangsgut der Polen ist hingegen auf dem Stand von 1982. Außer „Polska, Polska“, dem Pendant zum hiesigen „Schland“-Gedröhne, war bislang nicht allzu viel zu vernehmen.

Die Franzosen: Pflegen beinahe britisches Understatement. Kein Wunder bei den bisherigen Leistungen. Dafür haben die Franzosen wieder ihren Vorzeigefan „Clément d’Antibes“ dabei, jenen Anhänger, der zu Spielen der Equipe Tricolore einen ausgewachsenen Hahn, das französische Wappentier, mit ins Stadion schleppt und in die Luft reckt. Die Folklore wird lediglich dadurch getrübt, dass der Gockel stets so panisch dreinblickt, als wünsche er sich sehnlichst zurück ins Freilaufgehege.

Die Schweizer: Kamen ein wenig daher wie das „oft lustlose Kind“, das früher in der Sanostol-Werbung direkt durch die Pfütze schlurfte. So recht wollten die Schweizer nämlich gar nicht daran glauben, dass sie tatsächlich bei der EM mit dabei sein mussten und mochten deshalb nicht viel mehr rufen als den National-Schlachtruf„Hopp Schwiiz“. Das mag ja geeignet sein, Skiläufern die Abfahrt zu erleichtern, im Fußballstadion ist es etwa so wirkungsvoll wie eine La-Ola-Welle beim Davis-Cup.

Die Österreicher: Müssen vor dem Spiel gegen die Polen eine gemeinsame transzendentale Meditation durchgeführt haben. 70 000 auf der Wiener Fanmeile und 35 000 im Stadion haben sich die Gesichter rot-weiß-rot bemalt, Fahnen geschwenkt und auch beim Stand von 0:1 bis zur 92.Minute trotzig „Immer wieder Österreich“ gesungen. Und das hat tatsächlich geholfen. Passiert auch nur ganz selten.

Die Engländer: Verhalten sich bei diesem Turnier sehr unauffällig. Warum auch immer.

0 Kommentare

Neuester Kommentar