Sport : Wer sind wir wirklich?

NAME

Michael Rosentritt zum Stellenwert des deutschen Fußballs in Europa

Ein kleiner Witz geht so: Man nimmt eine Zellophanhülle, etwa die einer Zigarettenschachtel, baut sie auf dem Kopf stehend vor sich auf den Tisch und fragt seinen Gegenüber: Was ist das? Die Lösung: Der Trophäenschrank von Bayer Leverkusen.

Wie haben sie sich gefreut im vergangenen Mai in Leverkusen. Drei Möglichkeiten, endlich mal einen Titel zugewinnen, hatten sich aufgetan – in der Meisterschaft, im DFB-Pokal und in der Champions League. Sie wurden dreimal Zweiter. So, wie wenig später die deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Asien, was allerdings eine Überraschung war. 132 Tage nach dem Champions-League-Finale gegen Real Madrid holt den deutschen Fußball die Realität ein. London, München, Piräus – drei Stationen, die für sich sprechen. Die drei deutschen Teilnehmer in der Champions League verloren ihre Auftaktspiele. Und es steht zu befürchten, dass sie das bis zum Ende der Vorrunde nicht mehr korrigieren können.

Am ehesten ist es noch dem FC Bayern zuzutrauen, die Niederlage gegen Deportivo La Coruña vergessen zu machen. Borussia Dortmund gelang beim 0:2 gegen den FC Arsenal noch so etwas wie Schadensbegrenzung. Und Bayer Leverkusen… nun ja, der Vorjahresfinalist unterlag 2:6 bei Olympiakos Piräus, was ungefähr auf einer Linie mit dem Pokal-K.o. von Hertha BSC beim Regionalligaletzten Holstein Kiel liegt.

Dabei hatte die Bundesliga ganz anderes im Sinn. Die Vertreter in den internationalen Wettbewerben waren angetreten, um den begehrten dritten Platz in der Fünfjahreswertung des europäischen Verbandes zurückzugewinnen. Dieser dritte Platz garantiert neben zwei festen Startplätzen in der Gruppenphase auch zwei weitere Plätze in der Qualifikation zur Champions League. Davon könnte die Bundesliga frühestens in der Saison 2004/05 profitieren – wenn die deutschen Klubs sich international so gut schlagen wie in der vergangenen Saison. Momentan liegen in dieser Wertung noch Spanien, England und Italien vor Deutschland. Nach den Auftaktspielen spricht wenig dafür, dass sich an dieser Reihenfolge etwas ändert.

Nach dem WM-Finale von Yokohama hat Rudi Völler verkündet: „Wir sind wieder wer“ und bezog das auf den deutschen Fußball insgesamt. Nach den Nächten von London, München und Piräus stehen Völler und seine Mitstreiter vor der unangenehmen Frage: Wer sind wir wirklich?

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben