Sport : Wer sind wir?

Die deutsche Fußball-Nationalelf hat seit vier Jahren keinen großen Gegner mehr geschlagen

Michael Rosentritt

Berlin - Der 27. Februar 2001 war ein schlechter Tag für den deutschen Fußball. Vor 80 000 Menschen im Pariser Stadion St. Denis und zehn Millionen Deutschen an den Fernsehern verlor die Nationalmannschaft von Rudi Völler gegen Frankreich deshalb nur mit 0:1, weil die Franzosen davon abgesehen hatten, die Kluft der spielerischen Fähigkeiten beider Mannschaften auch in Toren auszudrücken. Wenn die Franzosen den Deutschen mal den Ball überließen, dann nur, um zu sehen, was die alles nicht mehr können. Und das war viel. „Mir war klar, dass uns in Bezug auf die Franzosen einiges fehlt“, hatte Völler hinterher geflüstert, „zu Beckenbauers Zeiten oder zu meinen, sahen die zwar auch schon eleganter aus, aber dass es so deutlich ist...“

Das Spiel in Paris endete damals mit der knappesten aller Niederlagen, aber nie wieder in Völlers Amtszeit war eine deutsche Elf so aussichtslos in ihrem Bemühen. Mit Ausnahme vielleicht beim 0:3 gegen denselben Gegner zweieinhalb Jahre später. Der Februar 2001 war damals der Anfang einer bedenklichen Serie. In der Folgezeit gingen in Spielen gegen so genannte große Fußballnationen immer die Deutschen als Verlierer vom Platz. Seit dem 1:0 im Londoner Wembley-Stadion gegen England am 7. Oktober 2000 wartet die deutsche Nationalelf auf einen Erfolg gegen einen Top-Gegner. Die nächste Chance besteht für die deutsche Mannschaft und ihrem neuen Trainer Jürgen Klinsmann am Mittwoch gegen Brasilien im Berliner Olympiastadion. Kann Deutschland überhaupt noch die Großen der Welt schlagen?

Womit sich gleich ein zweite Frage stellt: Müssen wir uns Sorgen machen für die WM 2006, weil Deutschland keine Qualifikation, sondern nur noch Freundschaftsspiele bestreitet?

Eingedenk der Tatsache, dass sich die Deutschen in der Qualifikation immer schwer taten, kann es nur ein Vorteil sein, als Gastgeber der WM gesetzt zu sein. „Das gibt Planungssicherheit, das Trainergespann kann in Ruhe und ohne Druck etwas aufbauen“, sagt etwa Bayern Münchens Trainer Felix Magath. Es gibt aber auch andere Trainer, die das als Nachteil sehen. Es fehle der Wettkampfcharakter und der Druck, stets Hochleistung zu bringen. Ihre Sorge: Deutschland fehlt es in Freundschaftsspielen, speziell gegen kleinere Fußballnationen, an der nötigen Motivation.

Seit 1990, als Deutschland den WM-Titel gewann und als Titelverteidiger für das Championat 1994 in den USA gesetzt war, wird Deutschland zwei Jahre lang keine „echten“ Spiele absolvieren. Für Oliver Bierhoff ist das eine „reizvolle Aufgabe“. Als Spieler hatte er nie Motivationsprobleme. „Fußball ist Volkseigentum“, hat der ehemalige Kapitän und jetzige Manager der Nationalmannschaft einmal gesagt. Ein ganzes Land schaue zu, wenn Länderspiele anstehen, egal, um was es geht. Selbst nach kläglichen Leistungen in Freundschaftsspielen wurden Bierhoff und seine Mitspieler als „Würste“ oder „Rumpelfüßler“ tituliert.

Die neuen Frontmänner der Nationalmannschaft, Klinsmann und Bierhoff, haben das Wort Freundschaftsspiel aus ihrem aktiven Wortschatz gestrichen. Es stehe zu viel auf dem Spiel. „Wir wollen den Spielern deutlich machen, dass es ab sofort keine Freundschaftsspiele gibt, sondern dass es sich um Vorbereitungsspiele auf das große Ziel WM handelt“, sagt Bierhoff. Jeder im Team möge das als große Chance und Verpflichtung erkennen. „Bei jedem muss jetzt die WM im Hinterkopf sein. Und wenn der Gegner Brasilien heißt, gibt es gleich gar keine Motivationsprobleme.“

Anders sieht es aus, wenn Deutschland – wie zum Beispiel im Oktober – in Teheran spielen oder Ende des Jahres drei Spiele in Asien bestreiten wird. Da seien Gegner und Gegebenheiten nicht so reizvoll, aber „hin und wieder wollen wir auch gesellschaftliche Aufgaben erfüllen“, sagt Bierhoff diplomatisch. Das sind Spiele, in denen der Bundestrainer „mal personell etwas probieren kann, ohne dass jede Entscheidung gleich für jeden nachvollziehbar erscheint“. Bis zur WM aber habe man sehr starke Gegner (Argentinien, Russland und Holland) verpflichtet.

Für einige Nationalspieler brechen unter Klinsmann andere Zeiten an. Anders als unter dessen Vorgänger werden sich verdiente Spieler nicht auf Anhänglich- oder Dankbarkeit des Trainers verlassen können. „Ich habe die meisten Länderspiele in den vergangenen Jahren gar nicht gesehen, und ich werde sie mir auch nicht mehr ansehen“, sagt der Bundestrainer. „Ich will sehen, wer kann und wer will.“ Die Spieler müssen an sich glauben, dass sie Großes vollbringen können, hat Klinsmann zu seinem Amtsantritt gefordert. Was könnte besser dafür dienen, als mal wieder einen großen Gegner zu schlagen?

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