Sport : Wer trinkt um neun schon Caipirinha?

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Von Martín E. Hiller

Herrgott, wer hat diese Weltmeisterschaft bloß nach Asien vergeben? In Brasilien sind die Fans nicht allzu glücklich mit den Ausrichtern der globalen Fußballmesse in Fernost. Nicht, dass die Brasilianer prinzipiell etwas gegen Koreaner oder Japaner hätten. Es ist der Zeitunterschied. Zwölf Stunden liegen die Brasilianer zurück. Das sind noch fünf Stunden mehr als in Deutschland, und hier kommt eh niemand auf die Idee, anlässlich eines Fußballspiels Strandpartys für Tausende mit Samba und Caipirinha und Großleinwand zu veranstalten. Der brasilianische WM-Auftakt vor zwei Wochen gegen die Türken stieg um sechs Uhr, Ortszeit Rio de Janeiro, das Achtelfinale am Montag in Kobe gegen Belgien beginnt um halb neun. Wer trinkt da schon gerne Caipirinha?

Brasilien ist mit seinen 170 Millionen Einwohnern nach seinem Selbstverständnis das bevölkerungsreichste Land der Erde. Dieser Definition folgend zählen nämlich nur Länder, in denen Fußball Volkssport Nummer eins ist. So ziemlich jeder männliche Einwohner hat von Geburt an wenig anderes als den Ball im Kopf. „Wenn ein Junge in Brasilien Geburtstag hat, musst du ihm auf jeden Fall einen Fußball schenken", sagt der frühere Bundesliga-Profi Jorginho.

Die Begeisterung bringt regelmäßig eine wahre Schwemme überdurchschnittlicher Spieler hervor. Die Nationalmannschaft macht reichlich Gebrauch davon. Bei der Südamerika-Qualifikation zur Endrunde in Asien kamen 62 Spieler für Brasilien zum Einsatz. Dafür zeichneten vier Trainer verantwortlich. Der gegenwärtige Chef, Luiz Felipe Scolari, war erst geholt worden, als der viermalige Weltmeister in der Qualifikation zu scheitern drohte. Der Präsident des brasilianischen Fußballverbandes, Ricardo Teixeira, wollte einen harten Teamchef, der in den zusammengewürfelten Haufen der Seleçao Ordnung bringen konnte, und den bekam er.

Scolari stammt aus einer ländlichen Gegend, er sieht aus wie eine Mischung aus David Niven und Gene Hackman. Stur zieht er sein auf Zerstörung bedachtes Spielsystem durch, stur blieb er auch bei der Zusammenstellung seines Kaders, egal, ob Staatspräsident Cardoso ihn ausdrücklich bat, den Volkshelden Romario doch nach Asien mitzunehmen.

Scolari setzt wie keiner seiner Vorgänger in den vergangenen zwanzig Jahren auf Fußballer, die im eigenen Land spielen. 13 der 23 Spieler des WM-Kaders verdienen ihr Geld in Brasilien. Das ist verdienstvoll, macht Scolari daheim aber auch nicht viel beliebter. Der brasilianische Fan will nicht nur Siege sehen, er will vor allem schöne Siege sehen. Nach bescheidenden Vorstellungen gegen China und die Türkei zeigten die Brasilianer beim 5:2 zum Vorrundenabschluss gegen Costa Rica zum ersten Mal bei der WM, was in ihnen steckt. „Das war Unterhaltung auf höchstem Niveau“, sagt Stürmerstar Ronaldo. „Aber ab jetzt treffen wir auf Mannschaften, die nicht mitspielen wollen und nur dicht machen.“ Da will Luiz Felipe Scolari harte Arbeit und keinen Zauber sehen. Und wenn ihn die Fans bei ihren morgendlichen Strandpartys noch so sehr verachten

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